Graciela Maria – Olvido

Es gibt Musik, die in Ihrer Schlichtheit, ihrer Einfachheit doch die Macht besitzt, die Hörer sofort zu packen. Sie werden eingehüllt in einen Kokon aus Klang, und die Musik isoliert sie (die Hörer) von der bedrängenden Flut der audiovisuellen Reize der heutigen Zeit. Nick Drakes Musik wirkt auf diese Weise. Auch Beth Gibbons und Rustin Mans Album “Out Of Season” hat solch einen Effekt.

Graciela Marias zweites Album erzielt eine ähnliche, unter Umständen sogar noch stärkere Wirkung. Während Graciela Maria Nick Drake direkt als Einfluss nennt, erklärt sich der Vergleich mit Beth Gibbons vielleicht vor allem über eine gemeinsame vordergründige Zerbrechlichkeit des Gesangs, in dem aber eine ungemeine Stärke wohnt. Obwohl “Olvido” erneut mit Unterstützung von Sneaky und Robot Koch entstand, treten die elektronischen Elemente hier in den Hintergrund und Graciela Marias Gesang und das Piano bestimmen das Album. Es braucht nicht die Albuminformationen des Labels, um zu erkennen, dass Graciela Maria hier mehr Kontrolle über die Produktion übernommen hat als noch beim Debüt. Weiterlesen

Burial – Rival-Dealer

Ohne Burial wäre Dubstep nicht so groß geworden. Ohne Burial hätte es weder Witchhouse noch Chillwave noch die derzeitige Indie-R’n’B-Welle gegeben. Klingt das zu vereinfachend und überhaupt übertrieben? Sicherlich. Dennoch muss man fragen: Was wäre, wenn “Untrue” nicht veröffentlicht worden wäre?

Auch wenn alle Burial-EPs und Einzeltracks der letzten Jahre die Qualität hatten, trotz der Kürze der Veröffentlichungen zu den besten Veröffentlichungen eines Jahres zu gehören, konnte man äußern, seinen Solo-Veröffentlichungen fehle es an Weiterentwicklung. Zudem wirkte manch ein Track, als seien hier einzelne unfertige Nummern aneinandergeklatscht worden. Meister dieses Stilmittels sind jedoch Flying Lotus und Clark. Auch die “Rival Dealer”-EP, die dieser Tage als Weihnachtsgeschenk 2013 veröffentlicht wurde, leidet unter dieser Aneinanderreihung disparater Samples und Motive, an scheinbaren Fehlern in der Produktion. Das stört aber nicht zuletzt deswegen nicht, weil wir hier tatsächlich eine Weiterentwicklung hören, die unter Beibehaltung aller Markenzeichen und klassischer Burial-Qualitäten stattfindet. “Rival Dealer” ist erneut ein kleines Meisterwerk Burials, aber diesmal eins, das herausfordert, sich neu auf diesen musizierenden Shinigami einzulassen. Weiterlesen

Cécile McLorin Salvant – Womanchild

Es ist nicht nötig, ein Spezialist für Jazz zu sein, um die Namen Ella Fitzgerald oder Billie Holiday gehört zu haben. In der Tat zählen beide zu den bedeutendsten Sängerinnen des Genres. Die 24-jährige Cécile McLorin Salvant wird von manchem schon als würdige Nachfolgerin dieser und anderer großer Jazz-Vokalistinnen bezeichnet. Man kann nur hoffen, dass solche Vorschusslorbeeren nicht zum bösen Omen werden.

Zunächst einmal beweist McLorin Salvant auf ihrem aktuellen Album “Womanchild”, dass sie wirklich eine außergewöhnliche Stimme, ein beeindruckendes Talent hat. Tatsächlich ist in diesem Zusammenhang der Titel Vokalistin angebrachter, als einfach von einer Jazzsängerin zu schreiben.

Seien es Bluesklassiker, Jazzstandards, Traditionals oder eigene Stücke, McLorin Salvant und ihre Mitmusiker schaffen eigene, unverwechselbare Interpretationen. Das Herausragende des Albums ist hauptsächlich McLorin Salvants Stimme, aber die Platte würde ohne die Mitwirkung von Aaron Diehl, Rodney Whitaker, Herlin Riley und Jame Chirillo an Klavier, Bass, Schlagzeug und Gitarre doch nicht diese organische, selbstverständliche Schönheit besitzen.

Das Booklet beinhaltet eine Einleitung von Ted Gioia, in der er den Bogen schlägt zum ersten Auftauchen des Begriffs “jazz”, der um 1910 all das “Andere und Aufregende” beschrieb. Auf die Musik bezogen umschrieb er “Leben, Kraft, Energie, Überschäumen des Geistes, Freude, Elan, Magnetismus, Begeisterung” oder aber auch “Mut, [sowie] Glück”. So billig es ist, sich auf das Booklet oder 100 Jahre alte Texte zu beziehen, so umfasst diese Liste eben doch die ganze Qualität, die Cécile McLorin Salvants “Womanchild” ausmacht.

Auch wenn hier kein Stück wirklich in der Qualität abfällt, so bleiben doch vor allem drei Stücke am Nachdrücklichsten in Erinnerung. Einerseits ist da das treibende Stahlarbeiter-Traditional “John Henry”. Das maschinelle Schlagzeug im Wechselspiel mit Bass und Piano erzeugt hier einen ungemeinen Sog. Darüber legt sich McLorin Salvants Gesang, der alle Gefühle der Erzählung in seinem Tonfall, in seinen verschiedenen Variationen zu transportieren vermag. Lebensfreude, Energie, Kraft und Mut sowie eine magische Anziehungskraft zeichnen diesen Vortrag aus. Das von McLorin Salvant geschriebene “Womanchild” und das 1930er-Jahre-Showstück “You Bring Out The Savage In Me” bleiben insbesondere wegen McLorin Salvants experimentellem Gesang in Erinnerung. Diese Experimentierfreude wird allerdings ebenso von ihrer Band gespiegelt. Kakophones Trällern, gekünstelte Rezitation, pure, zarte Schönheit und vokales Drängen verbinden sich in “Womanchild” zu einem ungemein intensiven Erlebnis. “Savage” wiederum wird bestimmt durch die Phasen reinen Experiments. Dadurch und aber auch darüber hinaus erreicht das Stück eine fast angsteinflößende Note. Selbst wenn andere Stücke nicht diese Ausdruckskraft und Intensität erreichen, ist dies kein Makel. Vielmehr ergibt sich so eine Balance aus erholsamer Klangschönheit und bedrückenden Klangeskapaden.

Mag Cécile McLorin Salvants Vokalakrobatik in manchem Moment auch eher künstlich denn künstlerisch wirken, so mindert dies nicht die Qualität des Albums. “Womanchild” ist eine bereichernde Entdeckung. Eine auditive Überraschung folgt auf die nächste. Der aufmerksame Hörer wird entlohnt mit beglückender Kreativität, der unaufmerksame erhält einfach eine fantastische Platte einer beeindruckenden Jazzvokalistin.

Daniel Hope – Spheres

Wenn ein Musiker seine CD thematisch den „Sphärenklängen“ widmet und darüber redet, was für Geräusche Himmelskörper wohl machen, wenn sie einander passieren, wenn er Musik in Beziehung zu einer „astronomischen Harmonie“ setzt, dann kann man sich schwer erwehren, dies als esoterisches Geschwafel abzutun. Auch wenn die Philosophie hinter den „Sphärenklängen“ substantieller ist, so erscheint die Grundlage von Daniel Hopes „Spheres“ etwas schwammig oder an den Haaren herbei gezogen – selbst wenn das Booklet vermag, die Logik dahinter zu untermauern.

Im Endeffekt ist natürlich das Konzept hinter einem Album erst einmal nebensächlich. Zunächst entscheidet, ob die Musik den Hörer erreicht. Hope wählt für diese CD-Stücke vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Einerseits sind da Johann Paul von Westhoff und Johann Sebastian Bach, andererseits finden sich Stücke von Gabriel Fauré, Arvo Pärt, Philip Glass und Ludovico Einaudi. Aber auch „Jungspunde“ finden sich wie die 1973 geborenen Lera Auerbach und Aleksey Igudesman oder der 1983 geborene Alex Baranowski. Natürlich darf auch Max Richter nicht fehlen, dessen „Vier Jahreszeiten“-Rekomposition Hope mit einspielte. Vier der Stücke sind Welterstaufnahmen. Bei der Einspielung wird Hope unterstützt vom Deutschen Kammerorchester Berlin unter Leitung von Simon Halsey, Mitgliedern des Rundfunkchors Berlin sowie weiteren Solisten.

So disparat die Wahl der Stücke vordergründig erscheint – Bach, von Westhoff, Pärt und Glass erwartet man nicht unbedingt auf einer CD – so gelungen ist doch die Abfolge der CD, so kohärent und homogen sind doch Klang und Atmosphäre. Mag man das Konzept auch noch so sehr anzweifeln, Hope gelingt die Umsetzung.

Im Zentrum des Albums steht Arvo Pärts „Fratres“ als mit Abstand längstes Stück. In seiner durchaus anstrengenden Komposition, den überraschenden Entwicklungen, der Nutzung von Pausen und Perkussion, den langen Momenten der Stille und den häufig nur getupften Tönen ist es zudem ein Bruch in der Platte und doch aber eben auch der zentrale Punkt, in dem sich all die Momente der anderen Stücke in gewisser Weise spiegeln.

Ein großer Teil der Qualität von „Spheres“ liegt schon in der Eröffnung begründet. Hope bezeichnet von Westhoffs „Imitazione Delle Campane“ (in einer Bearbeitung von Christian Badzura) als eine der „außergewöhnlichsten Kompositionen“ aller Zeiten. Auch für den Hörer erschließt sich das Einzigartige des Stücks schnell. In nicht einmal drei Minuten zieht das repetitiv vibrierende Streicherspiel in seinen Bann. Es erscheint kaum glaubhaft, welch hypnotische Wirkung die minimalen Variationen nicht nur der Töne, sondern auch der Intensität des Spiels auszulösen vermag. Die Kraft wird direkt aufgegriffen von den Wellenbewegungen in Einaudis „I Giorni“. An dieser Stelle muss natürlich auch das Spiel Hopes und seiner Mitstreiter betont werden. Hope beweist in jedem Moment, dass die Los Angeles Times nicht zu Unrecht seinen „großen, reichen Klang“ und seinen „großen, erforschenden Geist“ lobt. Hopes Spiel und das Wechselspiel mit Orchester wie mit den anderen Solisten erscheint tiefer als üblich. Die Neugier, mit der er die Kompositionen bis in die letzten Tiefen zu erkunden versucht, wirkt entschlossener als beim Durchschnitt. Wenn in Faurés „Cantique de Jean Racine op. 11“ die Mitglieder des Rundfunkchors Berlin hinzukommen, ist der Hörer endgültig in Hopes Sphären verloren.

Auch im weiteren Albumverlauf, in den jüngeren Stücken, den Ersteinspielungen dominiert dieser totale Zauber einer vollkommenen, einer außerirdischen Harmonie. Seien es die Stücke Kats-Chernins, Igudesmans, Baranowskis, Richters oder anderer, der Hörer wird isoliert von dieser Welt und vermag sich vollkommen in Hopes Violine, in den Sphärenklängen zu verlieren.

In all dieser Harmonie ist Pärts „Fratres“ ein Bruch, der die allumfassende Harmonie durchdringt. Dies mag gewollt sein; vermutlich ist es sogar nötig, um die Platte davor zu bewahren, wie eine Überdosis Zuckerwatte zu erscheinen. Tatsächlich zerstört es jedoch auch den Fluss der Platte. Es erscheint störend. Dennoch vermag es seine zentrale Funktion als Spiegel des ganzen Albums zu erfüllen. Es ändert nichts am Zauber der einzelnen Stücke oder von „Spheres“ als Ganzem. Nichtsdestotrotz ist es emotional wie ein zu früh gehender Wecker, der den Hörer aus den Träumen reißt. Man schaut sich verwirrt um, und ist sich nicht im Klaren, wo man denn jetzt sei.

Wie auch Sven Helbigs „Pocket Symphonies“ ist Daniel Hopes „Spheres“ eine Schließung der Kluft zwischen U- und E-Musik. In der vorliegenden Zusammenstellung schafft Hope ein klassisches Konzeptalbum mit allen Risiken dieser Kategorie. Auch wenn es einen Moment braucht, die Platte zu genießen, so gelingt ihm das Experiment eines Ensemble-musikalischen Konzeptalbums. „Spheres“ ist einfach ein großartiges Album.

Sven Helbig – Pocket Symphonies

Der Feuilleton beschwört immer wieder den Untergang des Abendlandes. Als ein Anzeichen wurde gerne das Vorgehen der sogenannten Klassik- und Kultur-Radiostationen genannt, klassische Musikstücke nicht in Gänze zu senden, und stattdessen einzelne Sätze und Bewegungen herauszureißen. Der Bedarf an radio-gerechten Happen ist vermutlich auch mit verantwortlich dafür, dass die entsprechenden Sender gerne Nummern aus Film-Soundtracks beziehungsweise Original-Scores senden.

Sven Helbig macht mit seinen „Pocket Symphonies“ aus dieser Not nun eine Tugend, indem er zwölf kurze symphonische Stücke präsentiert. Tatsächlich ist die Einspielung wohl auch ein weiterer Beleg dafür, dass die Unterscheidung zwischen Unterhaltungs- und Ernsthafter (Ensemble)-Musik keinen Wert mehr hat, außer für die Verwertungsgesellschaften. Weiterlesen

Kai Schumacher – Transcriptions

Wenn man hört, jemand habe ein Album mit Klavier-Transkriptionen von Songs wie “Killing In The Name”, “Black Hole Sun”, “Lithium” oder “Out Of Space” produziert, fragt man sich erst mal die Urfrage: Wer braucht das? Am Ende heißt die Antwort darauf natürlich immer, “Niemand”. Erstaunlich gut unterhalten tun Kai Schumachers “Transcriptions” aber dennoch.

Rage Against The Machine, Foo Fighters, Soundgarden, System Of A Down, Muse, Portishead, Slayer, Megadeth, Nirvana, The Prodigy, Songs all dieser Künstler wurden von Schumacher in Klavierversionen umgeschrieben. Dabei werden die Stücke an manchen Stellen stark verändert, an anderer erkennt man die Motive und das Songwriting der Originale deutlich. Manchmal ist diese fehlende Veränderung ärgerlich, gelegentlich aber auch durchaus beruhigend. Fans der Originale werden vermutlich klar in zwei Lager gespalten sein, hassen oder bewundern. Weiterlesen

Forest Swords – Engravings

2010 war das Jahr, in dem der Pop plötzlich hypnagogisch, chillwavig und verhext, geisterhaft hauntologisch wurde. Nicht viele der damals über den Klee gelobten Künstler konnten sich erfolgreich etablieren. Dennoch aber hat der Chillwave in seiner zugänglichsten Variante die Pop-Musik nachhaltig geprägt.

Einer der interessantesten Künstler damals – dessen EP “Dagger Paths” von Fact gleich zum Album des Jahres gekürt wurde – war Matthew Barnes aka Forest Swords. Obwohl er zwischenzeitlich mit dem Gedanken spielte, sein Projekt mit der EP sterben zu lassen, hat er sich nun durchgerungen, ein Album nachzulegen, das den bedrohlichen, beeindruckenden, tiefen Electro-Kunstwerken der EP kaum nachsteht. Weiterlesen