Text von 2003: #Beginner – Blast Action Heroes

Was ich 2003 auf ciao.de als meteohh über „Blast Action Heroes“ der Beginner verbrach/schrieb:

Der eine feiert die 5 Sterne als die einzig wahren deutschen Raphelden. Der andere liebt Zentrifugal und Kinderzimmer Productions. Der dritte findet deutschen HipHop eh bescheuert, außer Fanta Vier und die Brote. Der vierte schwört auf Flashnizm und Bambule. Und irgendein fünfter mag vielleicht besonders Rödelheim und Xavier. Ein sechster mag nur Doppelkopf und Eins, Zwo. Kool Savas, Azad und Bushido Liebhaber ignorier ich hier.

Aber das meiste davon ist eh Vergangenheit. 5 Sterne haben nach Sillium enttäuscht. Von Zentrifugal und Doppelkopf hat man nichts mehr gehört. Eins, Zwo sind aufgelöst. Die Brote machen eh HipPop. Auf hohem Niveau, aber dennoch. Die Vier aus Stuttgar. Ach lasst sie, wo sie sind. Und doch gibt es nächstes Jahr ein neues Album – wahrscheinlich.

Die einzige Wahrheit ist: Deutscher HipHop ist in den letzten drei Jahren ziemlich auf den Hund gekommen. Innovatives und gutes habe ich nicht gesehen oder gehört. Ähnlich sehen es auch unsere drei Freunde aus Hamburg-Eimsbush.
Irgendetwas surrt mir um die Ohren. „Oh ja die Beginner, die Beginner, sind back, sind back, around the eck, back in town.“ Ach ist das schön.

Das Album hatte sich in der Presse lang angekündigt. Lang war schon bekannt, das nicht klar ist, was es denn nun sei. Name unbekannt, in letzter Minute noch ‘nen Track rasch verändert. Alles im Fluss und doch irgendwie von der Realität um eine Woche überholt. Aber dazu später und damit konnte man ja nicht rechnen.

Es bouced, es bebt. „Back in Town“. „Hamburg, nicht so ’ne Kackscheiße.“ „Wir kommen mit best of rap, statt mit best of the dome.“ Innerhalb von 30 Sekunden ein Haufen Wahrheit über das eigene Schaffen. Drei Typen, drei Köpfe, die eins schaffen. Gute Musik. Guten HipHop. Zum Tanzen, zum Denken. D e n k e n. Ist das Wort bekannt? „Viele sind taub und hören Ja Rule.“ „Vier Jahre und es passierte so vieles. Der Aufstieg und der Fall eines ganzen Musikstiles.“ Bezug auf den Niedergang eines Musikstiles, einer besonderen Qualität. Bezug auf den Krieg in Afghanistan. Die Beginner beweisen, um das absolut bereinigt, dass sie mehr Bewusstsein haben, ohne es platt zu verkaufen. Vier Jahre in einem Song. Tanzbar durch Beats und Samples. Old-School. New-School. Schon Cover und Digi-Pack-Gestaltung zeugen von einem überdimensionierten Ego, … das im Bezug auf deutsche Musikszene und HipHop-Community angebracht ist. Wer das Cover von Public Enemys It takes a nation of Millions mit den eigenen Gesichtern versieht, beweist Bewusstsein, guten Geschmack und … siehe ein paar Zeilen weiter oben.

Und nach dem äußerst überzeugendem Start folgt der erste Mega-Burner der Blast Action Heroes. „Wer bist’n Du?“ Das Video könnte bekannt sein. Und wo ich mich beim Fernschauen noch fragte, wer um Himmels Willen im Hintergrund verzehrt „Wer bist’n Du?“ säuselt, weiß ich es nun. Nein, es ich nicht ein Kind(erchor). Nein, Nina Hagen wird derzeit nicht nur von Apokalyptica gefeatured. Die Beginner nutzen ihr „Ausnahme“-Organ zur Vorstellung. Das E, das D, das M. Eizi Eiz, Denyo und Mad sind da. Gesampltes Gitarrenriff. Megabassbeat. Ziggi-Zweifel. Geschickt und genial platzierte Sample. Wie war das? Old-School, New-School? Yes, indeed. Mad, Denyo und Izzy Eißfeldt wissen, wie man Sampler, Synthie und Scratches einsetzen muss. Hier wird geklotzt und nicht gekleckert. Hier gibt es Schampus und Selters. Das eine für den Flüssigkeitshaushalt, das andere für die Feier. „Meine Styles sind wie Finger in die Steckdose.“ Wenn „Back in Town“ schon andeutete, eine neue Definition von Hammer ist im Anflug. Hier wird all den Nervensägen im deutschen Rap-Zirkus gezeigt, wo der Hammer hängt.

Ein Hammer, der schon alt ist wohlgemerkt. Alt und massiv. Die Beginner haben mich zu Bambule-Zeiten ziemlich schnell angenervt. Ihre Videos wurden einfach viel, viel, viel zu viel gespielt. Die Genialität war mir bewusst – im Grunde schon seit meinem Kontakt zu Natural Born Chillas. Und doch. Sie wurden für mich totgehypt. Stop. „Hamburg zwei-null-null-drei.“ Ein Hammer schon 10 Jahre alt. Deutscher HipHop. Aus autonomen Jugendzentren hervorgekrochen. Aus einer Parallelkultur. Die Antifa als Gebärmutter einer neuen Kultur. Diese ihr schnell entwachsen. Aber auch heute noch, gibt es in dieser Kultur Bands, die sich ihrer eigenen Vergangenheit entsinnen. Und wenn es nur insofern ist, dass sie ihre damaligen Antifa-/Polit-Themen heute mit neuen Mitteln und Fähigkeiten thematisieren. Wie unsere drei kleinen Freunde von den Beginnern nicht nur aber auch in „Scheinwerfer“. „Hamburg zwei-null-null-drei. Es ist dunkel hier, aber manche haben Scheinwerfer. Deutschland im Dunkeln, das sind Warsteiner- und Stoiber-Fans und New-Balance-Botten die abhotten zu Eurodance. Das ist Partystimmung bei Grabschändern und Brandstiftern und seit neuestem hören sie deutschrappende Tonguetwister. … Deutschland im Dunkeln, das sind glatt geleckte Innenstädte, Menschenleer nur Straßenfeger mit Pinzette. … Geil auf Gesetze und im Fernsehen laufen Strafverfahren. … Ja, Deutschland im Dunkeln, in den Hügeln sind wieder Wandertage und die Wiking-Kameraden marschier’n über Trampelpfade, Formiert in Fackelzügen … Das ist ‘ne Kopfnuss in Cottbus, oder ‘n Anschlag in Darmstadt, oder ’ne Schelle in Celle, ein gebrochenes Schlüsselbein in Rüsselsheim, und Flaschen mit Benzin in Maschen und Schwerin.“ Dazu ein knallharter Synthiebeat, R’n’B-Summen im Chorus, synthetisches Xylophon klimpert im Hintergrund. Alles so schön harmonisch. Bis auf die harten Beats und die ebensolchen Raps von Denyo und Eißfeldt. Jan beweist zudem wie nicht zuletzt als Jan Delay seine gesanglichen Qualitäten. Hart. Tanzbar. Bewusst. Real. Hart nicht um hart zu sein. Nicht platt. Hart um hinzuweisen. Um klarzustellen. Kapiert Ihr’s, werden wir gefragt. Tun wir’s?

Break. Wir wissen Bescheid. Aber bei allem kann man ruhig auch mal was positives rappen. „Gustav Gans.“ „So sieht’s aus, wozu der ganze Schwermut.“ Es geht uns gut. Ein flockig leichter Beat. Das Gegenstück. Ein Blasinstrument bietet dazu ein luftiges Melodiespiel. Geschickte Samples – mal wieder. Hier lebt man auf. Das Leben ist nicht zu schwer, um nicht mal auf Wolke sieben zu schweben. Ein wunderbar Chiller, zur Unterstützung der positiven Energie. Vielleicht wird es demnächst zu sehr als „Cheech-und-Chong Hymne“ missbraucht, aber dazu ist wirklich perfekt geeignet. Voll auf die Zwölf – die positive. „Jetzt sollt Ihr Lächeln und Dancen – ohne Widerrede.“ Ja. Ich fühl mich gut. Glaubt mir. Wegen dem Track. Wirklich.
Die Möwen kreischen. Die Elbe plätschert gegen die Brücken. Ein Keyboard gibt die Melodie vor. Luftig regnerisch geht weiter. Mit einem Hauch von Schwermut. Der Beat setzt ein. Streichersamples. Einzelne Töne. Ach ist das schön. „City Blues.“ Mein Lieblingstrack. Wenn man sich hier mal nicht so wohl fühlt – wo iss’n hier? – also, wenn ich mich in HH mal nicht – was iss’n HH? – gut, manchmal geht mir Hamburg echt auf den Arsch. Wenn die Busfahrer spinnen, wenn es schifft. Seit 120 Stunden. Wenn ich vom Geomatikum den Philosophenturm nicht mehr sehen kann. Also dann, dann sollte ich diesen Hit hören. Dann bin ich mir wieder sicher. Hier geht was. Hier leb ich, hier bin ich Mensch. This is a wonderful place to be. „Das ist Hamburg und die Sonne scheint … nicht. Nein, es pisst wie immer. … Denn bei Euch im Süden von der Elbe, da ist das Leben nicht dasselbe.“ Yes. Ja. Richtig. Denyo und Eizi Eiz. Smoothe Raps. Alles passt. Der Song zur Stadt. Mal wieder. Hamburg wurde in den letzten Jahren von den hiesigen Rappern mehr als einmal in den Battle geführt. Zurecht. Hier wird übertrieben, dick aufgetragen. „Und statt unsympathisch, jung-dynamisch wie Friedrich Merz ist hier alles laid back, relaxed und friesisch herb.“ „Wir brauchen halt ‘ne Weile, bis wir auftauen.“

„Das ist meine Stadt, schön und abgefuckt.“ So isses!

Aber in D-Land, in HH ist nicht alles Gold! Mit „Schiss“ rappen unsere drei Beginner absoluten Klartext einmal mehr. „Wir haben Schiss, … alle haben Schiss.“ Ein Keyboard kreischt, als ob es ein Horrorfilm wäre. Ein Beat darüber. Unsere rappenden Unterhalter halten sich nicht zurück. Wagen es sogar im Hintergrund ein Hitler zu ziehen. Niemandem und auch den Beginnern in einem anderen Track würde ich dies verzeihen. Aber hier ist es gut. Passend. „Wenn Du nicht weißt, ob diese Platte jemals rauskommt, weil das Schwein gerade wieder ganze Völker ausbombt.“ „Seit gestern verfolgen wir alle im TV das Einäschern.“ „Wenn es Torpedos hagelt aus Ami Land.“ Der Beat blubbert, Samples unterstützen die Atmosphäre. Schiss weckt die Paranoia. Das ist normal. Wir müssen den Schiss – und seine Auslöser – mit unserem Selbstbewusstsein konfrontieren.

Pause. Es folgt „Stift her“. Die Partyhymne. Selbstbewusst wird unter anderem – wohl zum ersten Mal – die Problematik des Rippens auf vernünftige Weise – nämlich von beiden Seiten – beleuchtet. „St. Anger“. Offensichtlich erst nach Metallicas Album betitelt. „Aggro“. Sphärisch, doch mit harten Raps. Ein wenig Gedisse gegen Viva, Effenberg, die Krankheiten im TV. Erkan und Stefan. Vatikan. CDU-Neopunks. Das flehentliche Herbeisehnen der Wiederkehr von Dynamite Deluxe und Stieber Twins. Womit auch klar gemacht wäre, was von den aktuellen Rap-Stars im Musik-TV gehalten wird. Ungefähr soviel wie von Zlatko. Pause-Ende.

„Chili-Chil Bäng Bäng“. Oder für nicht Hamburger. Schilli-Schill Bäng Bäng. „Isn’t this a story that must be told, about two politicians.“ 6 Tage nach Schills Rausschmiss erschien das Album. So verliert dieser Track ein wenig an Gewicht. Immerhin waren die zwei der Adressaten hiermit abgeschossen. Ordnungsliebe und ein dreizehntägiges Kind, das schon Polizei sagen kann. Wendehälse und andere zwielichtige Gestalten. Hier wird mit dem aktuellen Hamburger Senat hart und intelligent zu Gericht gesessen. Einmal mehr geschickte Samples und Zitate. Ein sphärisches Melodieloop, mit Scratches und Beats versehen. Advanced Chemistry werden offensiv zitiert. Das Gegenstück zum City Blues. Die klare Kennzeichnung des Grauschleiers über HH. Und an anderen Stellen. „We would like to apologize for the way in which politicians are presented in this program. – Gelächter.“
Fast Ende. „Hör Weg“. „Fäule“ bringt einmal mehr den HipHop-Tanzbodenfüller. Perfekte Kombination von deutscher Sprache, Beats, Samples, Loops, Scratches. Die erste Single, die schon ankündigte. Da geht was, dieses Jahr in HH. Ein Bekenntnis zur Musik. Zur eigenen Profession. Zum guten Geschmack. „Lieber Herr oder Frau Musik, ich möchte Ihnen von Herzen Danken“ … wie auch „God is a music“. Featuring Max – kennen Sie noch Maximilian? – wird hier die eigene musikalische Vergangenheit gewürdigt. Max liefert dafür den R’n’Bigen Hook. Auch Xavier hätte das wohl singen können. Aber so passt es. Ganz großes Kino. Die Raps in „Maschinengewehr“-Geschwindigkeit. In Schallgeschwindigkeit – sozusagen. Klare Beats. Klare Synthiesounds. Der Bass bounced. Ganz klar geht es nach vorne. Marvin Gaye, NWA und Jackson Five. KRS-One und Chuck D. Ruthless, Def Jam, Island oder Motown als Programm. Beatles, Meters und Kraftwerk. Der König heißt Bob Marley. … … …

Endgültig Ende … nach „Wunderschön“ und „Kake is at the Dampf“.

Musik. Zwo drei vier. Produziert im Bewusstsein dieser Welt. Der musikalischen Vergangenheit. Der Originale und dem Bedürfnis nach Qualität. Für uns. Zum tanzen und verstehen. Hier geht was. Ja.

Copenhagen Phil, André de Ridder – Bryce Dessner “St. Carolyn by the Sea” | Jonny Greenwood Suite from “There will be Blood“

Schriebe man einen Text über die jüngsten Verbindungen von E(nsemble)-Musik und U(nterhaltender) Musik, würden vermutlich das Label Erased Tapes und Künstler wie Nils Frahm und Lubomyr Melnyk vorkommen. Je nachdem, wie gut der Schreiber informiert ist, würde auch André De Ridder erwähnt. Wahrscheinlich fielen einem nicht sofort Radioheads Jonny Greenwood und The Nationals Bryce Dessner ein. Da kommt die Veröffentlichung einer Einspielung von Ensemble-Werken Dessners und Greenwoods gerade zur rechten Zeit. Die Copenhagen Phil unter De Ridder präsentieren Greenwoods Suite aus “There Will Be Blood” und drei Orchesterwerke Dessners. Letztere stehen im Zentrum der Platte.

Greenwoods Beschäftigung mit Ensemble-Musik könnte allerdings seit dem Soundtrack zu “There Will Be Blood” bekannt sein. Auch De Ridder mag mit seiner Zusammenarbeit mit Efterklang und seiner Veranstaltungsreihe stargaze in Berlin dem ein oder anderen vertraut sein, wobei diese zwei Erwähnungen all seine anderen grenzüberschreitenden Projekte ignorieren. Bryce Dessner wiederum hat in der Vergangenheit nicht nur mit Sharon van Etten zusammengearbeitet, sondern eben auch mit solchen Größen der Minimal Music wie Steve Reich oder Philip Glass.

Die Suite aus “There Will Be Blood” beschließt diese CD. Tatsächlich lässt sich über manch eines der sechs kurzen Stücke sagen, sie erinnerten doch arg deutlich an eher herkömmliche orchestrale Film-Scores. Manches würde die Hörer der entsprechenden Sendeschienen im Klassik-Radio kaum stören (z.B. “HW/Hope of New Fields”). Andernorts, wie zum Beispiel in “Proven Lands”, dominiert eine perkussive Sperrigkeit. Abrupte Wechsel und ein stakkatohaftes Arrangement fordern. Diese Stücke sind interessant, doch wirken sie zum Teil unmotiviert. Ihr in gewissem Sinne experimenteller Charakter verhindert das Verstehen und den Genuss.

Kernstück der CD sind jedoch drei Ersteinspielungen von Stücken Bryce Dessners. Neben dem titelgebenden “St. Carolyn By The Sea” sind dies “Lachrimae” und “Raphael”. Dessner spielt in letzterem und im Titelstück elektrische Gitarre und wird dabei auch von seinem Bruder Aaron unterstützt.

Allen drei Dessner-Kompositionen gemein ist eine Kleinstückigkeit. Sie erscheinen häufig, als seien verschiedene Fragmente aneinandergesetzt. Schlussendlich aber findet sich zumeist doch ein Gesamtzusammenhang. So sind lange Phasen eher träge und vermögen nicht die Aufmerksamkeit zu fesseln, wobei die Kompositionen in anderen Momenten ungemein faszinieren. Während “Lachrimae” zu Beginn erscheint als spielten sich die Musiker ein oder stimmten ihre Instrumente, spielen im Titelstück die Instrumente zeitweise scheinbar auf eine fast destruktive Art gegeneinander. In “Raphael” wiederum stehen einzelne Töne häufig vordergründig unzusammenhängend nebeneinander. Allerdings finden sie im Laufe eben doch zusammen. Gemeinsam sorgen sie dann für abwechselnd ekstatische Momente und erschöpftes Verklingen. “St. Carolyn By The Sea” beinhaltet wiederum wirklich prächtige Augenblicke, die zusammen mit stilleren Takten fähig sind, ein hypnotisches Glücksgefühl zu erzeugen.

Dies täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Kompositionen manche Längen aufweisen, die ratlos machen mögen. Insbesondere “Lachrimae” kann zwar beeindrucken, verstört aber auch und lässt einen fragend zurück.

Bei aller technischer Perfektion lässt die Platte den Rezensenten seltsam unberührt. Liegt es an den Kompositionen oder an der Einspielung? Wahrscheinlich sind es eher die Kompositionen, die in ihrer Kleinteiligkeit, im klaren Fokus auf das, was in jedem Moment geschieht, den Hörer nicht kontinuierlich binden.

The Notwist – Close To The Glass

Es erscheint fast unlogisch, überrascht zu sein, dass es The Notwist auch mit ihrem nunmehr siebten (oder mit “Sturm” achten) Studioalbum schaffen, den Hörer zu überraschen. Aber was haben sich die Achers, Gretschmanns und ihre weiteren Mitstreiter bei “Close To The Glass” gedacht? Es ist ein Album wie eine Melt!-Compilation. Es ist eine Platte, die erscheint, als sei sie ein Best Of von 25 Jahren The Notwist. Neben Gretschmann’schen Elektrowerken finden sich Stücke, die junge Geschwister von “Pick Up The Phone” sein könnten, sowie der melancholische “Krautrock für das 21. Jahrhundert” von “The Devil, You + Me”, aber sogar auch Songs, die auf “12” nicht vollkommen fehl am Platz wirken würden. Anders formuliert stehen hier The Shins neben Mouse on Mars neben Radiohead neben Sonic Youth und am Ende sind es eben doch The Notwist.

Wo “The Devil, You + Me” sich anfühlte, als liege man bei Windstille im Nebel vor Spitzbergen, kann “Close To The Glass” alles repräsentieren zwischen stürmischer Atlantiküberfahrt, gebremster Selbstauflösung im Beat und kaum durchdringbarer Dunkelheit. Schon die beiden vorab im Netz verbreiteten Tracks verdeutlichen die Vielfalt dieses collagierten Albums. Einerseits ist da der Titeltrack, dessen erster Ton direkt nach Aufmerksamkeit heischt und kaum zu ignorieren ist. Perkussive Polyrhythmik betont die tanzbare Facette der Ur-Indietroniker. Andererseits ist da “Kong”, das Reaktionen wie “endlich wieder verstärkte Gitarren” hervorrufen kann.

So zeigt “Close To The Glass” The Notwist einmal mehr als eine der Bands, die am geschicktesten, mit der größten Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit Rhythmus- sowie Synthesizer-orientierte Mittel mit klassischem Independent und Alternative verbinden. Wie auch schon in der Vergangenheit entstehen so kleine Hymnen oder kurz gesagt Hits. Mehr noch als früher aber stehen die verschiedenen Mittel hier scheinbar unabhängig nebeneinander, um aber im Gesamtbild eines Songs oder auch der ganzen Platte eben doch nicht gegeneinander, sondern miteinander zu wirken. Vielleicht ist es Markus Achers Gesang, der die scheinbar disparaten Mittel zusammenwebt. Vielleicht ist es aber auch einfach das grandiose Verständnis aller Beteiligten, wie ein Song funktioniert, egal welche Mittel verwendet werden. So werden klassisches Songwriting und synthetische Klangerzeugung, dort Beats und Flächen und hier große Melodien zu potentiell sofortigen Klassikern. Selbst wenn die Band sich dabei der Verzerrung der Gitarre hingibt oder den Beat zum lockeren Galopp auffordert, bleibt immer eine leichte Gemütsschwere und Kälte erhalten.

Der erste Eindruck des Albums ist bestimmt von dem disparaten Nebeneinander der Stücke. Wo jedes einzeln überzeugen mag, fehlt doch der Gesamtzusammenhang. Schnell jedoch entwickelt sich eine Hörstimmung, in der die scheinbare Heterogenität einem kontinuierlichen Gefallen Platz macht, das bald zur Begeisterung wird. So sehr “Close To The Glass” überrascht, so typisch ist im Kern nicht nur diese Überraschung, sondern die ganze Platte für The Notwist. Auch mit ihrem achten (oder doch siebten) Studioalbum beweist die Band ihre Ausnahmestellung.

Judith Holofernes – Ein Leichtes Schwert

Eine Bilanz des Deutsch-Pop heutzutage könnte diagnostizieren, dass neben einer starken Präsenz des HipHop vor allem die Musik erfolgreich zu sein scheint, die einerseits in Richtung (alternative) Festivalbühne schielt und andererseits insbesondere textlich schlageresk daherkommt. Wenn man noch mehr vereinfachen würde, könnte man behaupten, diese Entwicklung ließe sich 12 Jahre zurückverfolgen zum ersten Erfolg von Bands wie Mia. und Wir Sind Helden. Das heißt, Bands und Plattenfirmen hatten danach nichts Besseres zu tun, als das Erfolgsrezept der Helden zu kopieren, scheinbar getrennte Zielgruppen in ihrem Publikum zu vereinen, und dabei aber insofern zu scheitern, als es nicht automatisch aus dem eigenen Talent – wie bei den Helden – kam, sondern gezwungen durch Aneignung von Mitteln der “unabhängigen” Szene und des Schlagers geschah. Das Jahr 2013 bot genügend Belege für solche Thesen. Aber hier soll es nicht um den Stand des deutschen Pop im Jetzt gehen, sondern um das erste offiziell veröffentlichte Solo-Album der ehemaligen Wir-Sind-Helden-Sängerin Judith Holofernes.

Die Berichterstattung über Holofernes‘ “Solo”-Comeback suggeriert eine perfektionistische Künstlerin, wohingegen das Album durchaus den Eindruck erwecken mag, es habe an einer Kontrollinstanz gefehlt, die schwächere Stücke ausgeschlossen hat. Andererseits mag dies auch einfach der Tatsache geschuldet sein, dass Holofernes sich natürlich erlauben konnte, genau das zu machen, was sie wollte. Allein die Tatsache eines Solo-Albums dürfte die Zielgruppe mobilisieren. Auch wenn es sicherlich Erwartungshaltungen gibt, kann es Holofernes vermutlich relativ egal sein, ob sie diese nun erfüllt oder enttäuscht.

Der Erfolg von Wir Sind Helden zehrte nicht zuletzt aus Holofernes‘ Texten, die einerseits ein Lebensgefühl, eine selbst erlebbare Wirklichkeit aufgriffen und diese andererseits mit melancholischer Albernheit auflockerten. Melancholie und Lebensfreude hielten sich auch in der Musik die Waage. Zu Beginn waren es Mittzwanziger, die diese Musik machten, am Ende Mittdreißiger, und so alterten auch die Themen. Holofernes‘ Einfluss auf die Musik der Helden bedenkend, wundert es somit nicht, dass sich dies auch zwei Jahre später so weiterschreiben lässt.

Hinter der immer dominanten Stimme finden sich manche Variationen des Themas Poprock, seien es bluesige Anwandlungen, Countrieskes oder eher Waviges. Am Ende aber ist es doch eben vor allem rockiger Pop. Zwischen verschrobener Quatschigkeit und rein poppiger Luftigkeit eingeordnet ist “Ein leichtes Schwert” mittelständiger Berlin-Kreuzberg-Bohème-Pop, der aus dem persönlichen Erfahrungsschatz, aus der aktuellen Lebenssituation der Autorin zehrt. Gerade darin liegt auch der Wert. Hier verstellt sich niemand, “Ein leichtes Schwert” erscheint ehrlich.

Wie angemerkt, wirkt manches hier schwächer, als man es erwartet hätte, als sei nicht genug ausgesiebt worden. Überzeugen und in Erinnerung bleiben vor allem die zugänglichen Nummern wie das vorab präsentierte “Liebe Teil 2” und das Titelstück. Auch weitere überzeugendere Nummern sind diesen erwähnten stilistisch ähnlich – zum Beispiel “Brennende Brücken” oder in geringerem Maße “Hasenherz”, “Opossum” und “Pechmarie“. Allerdings lässt sich das auch umformulieren: es überzeugen die Stücke, die am ehesten nach vergangenen Wir-sind-Helden-Zeiten klingen – was wiederum vielleicht mehr über den Rezensenten sagt als über das Album.

“Ein Leichtes Schwert” ist ein Album, das man hört, wenn man einfach Holofernes‘ Gesang hören möchte und man Gutfühl-Untermalung braucht. Es ist eine dieser Platten, die am besten als nett bezeichnet werden, weil sie bei allem Gefallen eben doch eher farblos bleiben. So wichtig das Album wahrscheinlich für Judith Holofernes ist, so wenig dürfte es bei den meisten Menschen eine Bedeutung erlangen. Egal wie dem sei, es ist schön, wieder neue Musik von ihr zu hören.

Maxïmo Park – Leave This Island

Irgendwie ist Maxïmo Parks aktuelle Single „Leave This Island“ bei Release an mir vorbeigegangen (wobei das auch für die letzten zwei Alben gilt).

Nach dem ersten Hören hätte ich auch gedacht zurecht. Beim zweiten Hören aber … Die vorläufige Abneigung lag sicher nicht zuletzt daran, dass es so gar nicht dem entsprach, was ich erwartet hätte. Die entwickelnde Zuneigung zum Stück begründet sich aber vermutlich ebenso. Irgendwie passt das alles fast perfekt. Vielleicht ein wenig träge das Ganze, aber irgendwie doch genau richtig inszeniert.

Hier gibt es nur den Remix durch Mogwai, aber auch der lohnt sich.

Ich rudere zurück

Vorwort: Ich glaub es ja nicht. Dieser Blog erhält einen Beitrag über den musikalischen Biber. Allerdings nur, weil es jener meiner Blogs ist, der am wenigsten nicht passt. Also auf.

Ich gebe zu, dass ich zu jenen gehörte, die vergangenen Sonntag aus einem Bauchreflex heraus auf Justin Bieber einschlugen – aufgrund seines Eintrags in das Gästebuch des Anne-Frank-Hauses. Ich denke, die meisten werden ihn gelesen haben. Auch wenn es dabei bleibt, dass der letzte Satz seines Eintrags saudoof ist, so ignoriert der Automatismus der Empörung darüber die eigentlich bemerkenswerte Tatsache. Justin Bieber, ein Teenage-Superstar, besucht das Anne-Frank-Haus. Nicht nur das, er findet es inspirierend. Und, er macht so seine Fans auf Franks Schicksal – und allgemeiner den Holocaust – aufmerksam.

Tatsächlich würde ich sogar noch weiter gehen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, wie sehr folgender Gedanke eine logische Verkrümmung ist.

Natürlich erscheint Biebers Eintrag zunächst egozentrisch. Doch was sagt er eigentlich? Bzw., was sind Beliebers? Im Kern des Begriffs steht weniger das Bieber-Fansein, sondern nur das Fansein an sich. So sagt Bieber im Grunde nur, er hoffe, dass unter glücklicheren Umständen, Frank ein normaler Teenager gewesen wäre, die sich ein Idol gesucht hätte, dem sie hätte folgen können – ob diese nun Bieber, NKOTB, Take That, Beatles, Elvis, Marlene, Gründgens, James Stewart, Greta Garbo oder Ginger Rogers hießen, ist da egal.

Kakkmaddafakka – Hest

Bergen in Norwegen ist eine der regnerischsten Städte Europas. Warum das so ist, ließe sich grob in 150 Worten erklären, lenkt aber vom Thema ab. Als weitere Anekdote, Bergen betreffend, kann angemerkt werden, dass der Schreiber dieser Zeilen eigentlich, wenn das Leben einfach wäre, seit acht Monaten in Bergen arbeiten würde. Was das mit Kakkmaddafakka zu tun hat? Nicht viel außer, dass die fünf Feiertiere, wie auch ihr Produzent Erlend Øye, eben aus Bergen kommen. Weiterlesen „Kakkmaddafakka – Hest“

Munk – The Beat And The Bird

Da ist er wieder. Mathias Modica liefert sein drittes Album unter dem Munk-Banner ab. Auf dem eigenen Label Gomma erscheinend, fräst er unterstützt von zahlreichen Sängerinnen einmal quer durch den Club. Indie, Soul, House oder Disco, Dancefloor-Jazz, Funk und Electro, BigBeat oder latenter Dancetrash, alles findet sich auf „La Musica“. Nachdem Modica letztes Jahr den Sternen half, sich neu zu erfinden, verdeutlicht dies Album nun, was Modica als interessante Musik ansieht. Ein kleines Problem gibt es dabei aber: Der Hörer muss sich der Einschätzung des Musikers nicht wirklich anschließen. Weiterlesen „Munk – The Beat And The Bird“

Kings Of Convenience – Quiet Is The New Loud

Wenn Skandinavier gute Musik machen, handelt es sich entweder um Garagenrock, Elektronik oder melancholische Gitarrenmusik, die von Mitteleuropäischen Rezensenten oder Konsumenten als ach so typisch für das raue skandinavische Klima aufgenommen wird.

Im vorliegenden Falle haben sich nun zwei Norweger aus Bergen dazu durchgerungen, die wilde Ruhe der sie umgebenden Natur in Musik zu verpacken. Um den Klischees zu huldigen.

Den Königen der Nützlichkeit/Kings of Convenience Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe gelingt mit ihrem 2000er Album Quiet is the new Loud ein wunderbares Stück Musik. Der Titel Ruhe ist der Neue Lärm – frei übersetzt – bildet das Programm, in dem sich die 12 wunderbaren Songs ausbreiten. Zwei Akustik-Gitarren und zwei Stimmen bilden die Grundlage, nur gelegentlich durch Streicher unterstützt. Weiterlesen „Kings Of Convenience – Quiet Is The New Loud“

Panorama

Ähm ja, die Panorama-Rubrik des Spiegels war ja bereits vor dem Relaunch der Seite nicht unbedingt der Hort des Anspruchs. Aber das Niveau, das dort seit 14 Tagen herrscht. Nein Danke. Lieber Spiegel-Online, Du heißt weder Bild, noch Bunte, noch Perez Hilton. Überlass (hanebüchene und potentiell halbkorrekte) Nachrichten über älteste Hunde, bizarre Angewohnheiten von Meryl Streep, den Ehemann von Beyonce (der übrigens Jay-Z heißt und ein wichtiger Produzent und Musiker und einiges mehr ist), Chris Browns Partys, Navratilovas neue Freundinnen,  Tarantinos Frauenvorlieben, Marihuana in Argentinien, Lindsay Lohans Nachbarschaftsärger und und und doch bitte diesen Medien. Oder bereite sie anders auf. Danke.

Ach so: Wieso ist die Nachricht eines NPD-Angriffs auf einen Briten in Hamburg eigentlich im Panorama zu finden?

Phoenix – Alphabetical

Mai 2004:

Vier Kerle. Ein Studio. Instrumente. Eine Schreibmaschine.

Vier kreative Kerle. Musik und Texte.

Franzosen im kreativen Höhenflug.

Nach ihrem Vorgängeralbum United von 2000 hatte man die Hoffnung fast verloren, es könnte noch einen Nachfolger geben. Schon viele Bands sind am plötzlichen Erfolg – vor allem wenn er überraschend kam – zerbrochen.

Doch jetzt ist es endlich soweit. Der Vorgänger verband Rock und Blues, Soul und Country. Er war tanzbar und ließ einen träumen. Die Schule ist aus, die Sommerferien warten, und falls ich mich jemals besser fühlen werde, ruf mich an.

Jetzt gehen wir das ganze alphabetisch an. Was immer das heißen soll. Sicher ist: Dieses Album muss wachsen. Wo die Vorabsingle und Song Nr. Eins Everything is Everything scheinbar im Stile des Vorgängers weitermacht und mich in den Laden zerrt, geht es danach weniger automatisch begeistert weiter. Aber im Gegensatz zu Franz Ferdinand fräsen sich Phoenix dann doch recht schnell ins Gehirn. Denn …

… was sie hier veranstalten ist …

… faszinierend.

Versuchen wir es zu verstehen. Hier sind vier Menschen, Männer, die mit der mehr oder weniger klassischen Rock- und Pop-Instrumentierung Bass, Keyboard, Gitarre, Stimme und eingekauften Drums Songs bauen, die statt Rock zu sein, R’n’B sind, Soul, Blues, Funk, … oder sogar eine seltsame Variante von HipHop

Häh? HipHop? Ja, instrumental produzierte HipHop-Beat-Gerüste und Gesang auf dem Weg zum Sprechen. Oder, … ?!

Alles beginnt mit dem funky bootyshaking Everything is Everything. Drums, Gitarre, Keyboard und eine – die typisch – leicht verzerrte Stimme von „Thomas Mars“ begleiten uns durch diesen vom Gesang her gemächlich, von der Instrumentierung anregend schnell dahincruisenden wunderbaren Popsong. Die Gitarre begleitet uns dann allein zu Beginn von Run Run Run. Ruhig dahinplätschernd vom Keyboard begleitet liefert der Bass ein Rhythmus-Gerüst, das mit dem wiederholten Run Run Run Run, Falling Falling Falling Falling zu ersten Mal massiv die Frage erscheinen lässt, was dieser Bastard hier eigentlich sei. Rockpop oder HipHop, Blues oder R’n’B. Wir werden langsam vom Stil des letzten Albums weggeführt. Die Verwirrung wird vor allem gespeist durch das kongeniale Zusammenspiel von Keyboard(s) und Bass. Die Melodie scheint im Vordergrund zu spielen und ist doch gleichzeitig nur Unterstützung des Gesamtkunstwerks.

I’m an actor ist dann endgültig da angekommen, wo die Instrumente in erster Linie einen Beat für den Gesang liefern – und man sich fragt, ob das nächste Album vielleicht gar ein echtes HipHop-Album wird. Und man muss sich reinhören. Es ist nicht der Song, wo man sofort auf die Tanzfläche stürmen würde, doch im Laufe fängt man immer mehr an mitzunicken – und zwischendurch verwundert zu stocken, weil man nicht versteht, was Background-Vocals und Keyboards im Hintergrund für seltsame Dinge veranstalten.

Love for Granted liefert dann eine glasklare Gitarrennummer – countryesk, folkig –, also scheinbar altbekannt, es lässt ruhig genießen, man treibt dahin. In der Sicherheit einer großen Popplatte, die selbst den alternativen Musikmagazinen Rätsel aufgibt, denn was sie zu Alphabetical schreiben, … Schwamm drüber.

Aber zurück zur wilden Mischung aus einem scheinbaren Beatgerüst und … und was eigentlich. Victim of a Crime muss man sich wieder erst erkämpfen. Es verwundert, lässt einen Staunen mit einem ganzen Drum-Gewitter. Doch bereits beim zweiten Mal, möchte man es am liebsten den ganzen Tag hören und mit einem breiten Grinsen durch die Straßen laufen; … so war es auch schon bei If I Ever Feel Better und Summer Days vom ersten Album.

Das Lächeln auf dem Gesicht festigt sich bei (You can blame it on) Anybody. Das Sommeralbum 2004 gewinnt endgültig an Fahrt – und ist doch schon halb vorbei, aber … das ist wirklich kein Problem. Dieses Album wird für mich den Sommer 2004 verkörpern, wie United es 2001 tat.

Lassen wir die restlichen vier Songs mit der Bemerkung ruhen: Auch sie haben die absolute Oberklasse der bisherigen sechs.

Phoenix liefern erneut einen Bastard, der zwischen den Genres nicht hin- und herhüpft, sondern sich in ihnen allen gleichzeitig festsetzt. Die Popper werden dies Album ebenso mögen, wie die Electronic-Techno-Beat-Clubculture-Freaks, selbst die Rocker werden sich seinem Reiz nicht entziehen können.

OK, also in allen Genres, aber was ist es nun? Ist das nicht egal? Nein? Reicht Pop? Nein? OK, die erste Assoziation die ich hatte: Van Morrison. Total falsch, weil Phoenix nun wirklich überhaupt nicht klingen wie Van Morrison. Aber, die Idee ist insofern nicht ganz falsch, da White Boys don’t have the Soul/the Blues. Wäre Van Morrison heute jung, klänge er u. U. ebenso. So funky, so R’n’B, so voller Seele, voller Blues. Wäre das Möglich?

Ja. Deshalb. Anhören, oder ich werde böse, garstig, grantig. So richtig. Klar!?

Phoenix – United

Anfang Juni 2004:

Überraschungserfolge sind wohl für den Musikgenießer wie auch für den Musikschaffenden mit das Schönste. Denn wer hätte 2000 schon damit gerechnet, dass Phoenix mit ihrem Album United – vielleicht auch eher mit ihren Singles If I ever Feel Better und Summer Days solch einen Erfolg haben würden.

Beide liefen nicht nur in Spartensendungen wie „Der Ball ist Rund“ auf HR 3, nein, nachdem das Jugendradio (FRITZ, Eins Live, HR XXL) die soulig, funkig, poppigen Melodien der vier Franzosen entdeckt hatten, folgten selbst die Pop-Sender Marke FFN oder Antenne.

Das dieser Erfolg nicht von ungefähr kam, sieht man daran, dass die aktuelle Single Everything is Everything sogar bei VIVA im regulären Programm läuft – und nicht nur in der WOM-Verkaufssendung.

Wahrscheinlich traf der Erfolg Phoenix jedoch nicht ganz unvorbereitet. Immerhin hatten sie schon am Erfolg von Air teilgehabt als Instrumentalunterstützung.

Wie kommt aber eine Band zu einem Charterfolg, deren Musik auf den ersten Blick so unwahrscheinlich wirkt. Vier Franzosen, handgemachte Musik, Funk, Soul, Pop Marke 80er und gerüchteweise ein Quentchen Country.

Die Antwort ist einfach, wie sensationell und sollte Produzenten wie Bohlen und Konsorten zu denken geben: Sie schreiben himmlisch schöne und mitreißende Songs.

Alles fängt erstmal überraschend mit einem kurzen Instrumental an, das eigentlich nichts zu bieten hat als reichlich abgehangene Rock-Riffs aus den Siebzigern und ein Schlagzeug, das aber gerade deshalb ein perfektes Intro bildet und Spannung aufbaut. School’s Rules.

Doch schon Too Young bringt uns, was dies Album so liebenswert macht. Funky Whitemen Soul, leicht verzerrte Vocals und Melodien, die mitreißen und – obwohl auf den ersten Ton nicht wirklich tanzflächentauglich – zum Tanzen auffordern. In der Stimme immer ein leichtes Leiden – die Verzerrung – suggerieren Phoenix eine wahnsinnige „Liebe zum Leben“. Everybody’s Dancing. Oh Yeah. Mitreißend, Begeisternd, Toll.

Honeymoon beginnt mit Orgeltönen, die weniger zu einer Hochzeit als zu einer Beerdigung passen zu scheinen. Mit dem gleichen Leiden in der Stimme wird hier die perfekte Musik geliefert für eine lange Autofahrt durch die Nacht oder in den Sonnen(auf-)untergang, für eine Flasche Wein allein oder zu zweit zuhause oder am Elbstrand an einem lauschigen Sommerabend. Ein Song, der immer passt. Wie man überhaupt auch heute noch die Songs des Albums in Bars, Diskotheken, Radios, Kaufhäusern, aus Autofenstern und Wohnungen hört – zumindest hier in Hamburg. Ein Song voll Soul, voll Blues. Eine Melodie zum Schwelgen, einfach und doch belebend, einfach schön. Fünf Minuten, die das Zuhören lohnen.

Und es wird noch besser, denn es folgt der Smash-Hit des Albums. If I Ever Feel Better. Wäre ich leichter mitzureißen, würde ich jetzt ans Fenster gehen, es öffnen und lauthals „Hammergeil“ hinausschreien. So geht es mir seit ich den Song das ersten Mal gehört habe. Lebensfreude in Musik verpackt. Zum Tanzen, zum Cruisen, zum Liebemachen. Höre dies Lied und die Sonne geht auf an einem grauen Hamburger Apriltag.

Kaum verklingt der letzte Ton, stampft mit Party Time der Rock ins Haus. Zwei-Minuten, die eigentlich beim durchschnittlichen Publikum einen ähnlichen Effekt wie Blurs inzwischen fast unhörbarer Song 2 gehabt haben müssten, doch irgendwie blieb das aus. Summer Time is gone, und doch geht die Party weiter, weiter, weiter.

Wo wir schon mal Feuer gefangen haben, dürfen wir mit On Fire in den Chill Out einsteigen. Von der Party ins Auto zurück und weiter cruisen. Soul-Funk mit einem unglaublichen Chorus. Der Song lebt nicht zuletzt von Julia und Oliza, die den Backgroundgesang beisteuern. Soul-Blues-Funk-R’n’B und doch auch R’n’R.

Embuscade zeigt vor allem die instrumentalen Fähigkeiten von Phoenix, die ihren Reiz für Air ausgemacht haben dürften und bildet doch eigentlich nur die Überleitung zum nächsten Ohrwurm, zum nächsten wunderschönen Lied, das wieder das Cruisen groß schreibt, das den Sommer nur nicht im Namen trägt sondern auch fühlbar macht – im tiefsten Winter. Summer Days. Wahrscheinlich einer der besten Songs, die jemals geschrieben wurden; …zumindest jetzt so spontan aus dem Bauch heraus. Aus dem Herzen, … ausm Jefühl eben.

Franzosen: Air + Daft Punk = Phoenix!? Nein nicht wirklich, aber beim Funky Squaredance in seinen drei Teilen, lassen sich schon Eigenschaften der beiden Bezugspunkte erkennen. Squaredance steht für Country – und nicht die schönste Variante davon – entsprechend zeigt sich der Song auch in Teil 1, bevor dann die Schreie der Love-Choral-Society uns hinüberleiten in den Funk-Disko-House-Brazil-Teil. Let’s go Discotizing. Greetz. Der Teil, der auch Daft Punk gut stehen würde. Yeah. It’s a real Saturday Night at the Discotheque. Die Nacht ist vorbei – einmal mehr – einmal mehr steigen wir in unser Cabrio und fahren durch den anbrechenden Tag. Im Osten zeigt sich erste Helligkeit. Die Gitarre sägt uns dazwischen. Doch auf, wir fahren immer der Nacht hinterher. Bis zum nächsten Funky Squaredance.

Aber leider ist es jetzt schon vorbei. Wir werden rausgeschmissen. Definitive Breaks. Das Saxophon sagt uns Tschüß. Schön Dich zu sehen, aber jetzt ist Schluss. Verschwinde aus meinem Haus. Good Bye. C U next time. Adios. Ciao.

Und wir gehorchen. Gehen. Trauern. Aber wissen es wird weitergehen. Die nächste Party kommt schon.

Interstella 5555 … The 5tory of the 5ecret 5tar 5ystem. Daft Punk & Leiji Matsumoto

„Musiker sind Magier.“ „Ich sah weiße Blitze überall.“ Ja ich sah weiße Blitze überall. Und der Synthesizer lieferte den verzerrten Einstieg in dieses Abenteuer. „One More Time“. Dieses Album – Discovery von Daft Punk – wird nie mehr das Selbe sein! Weiterlesen „Interstella 5555 … The 5tory of the 5ecret 5tar 5ystem. Daft Punk & Leiji Matsumoto“

Neueste Schmelzpunkte beim Melt! 2008

Der aktuelle Melt-Newsletter verkündet folgendes

Liebe Freundinnen und Freunde des Melt!

Neben den bereits bestätigten Acts freuen wir uns über folgende Neuzugänge:

Hot Chip | The (International) Noise Conspiracy | Blackmail | Uffie & Feadz feat. Technotronic | Metalheadz Special feat. Goldie, Doc Scott, Skream, Commix, Caspa, MC Lowqui, Storm, Philipp Maiburg (Phoneheads), MC Glacius, MC Kemo und weitere | Los Campensinos | Lützenkirchen | Alexander Marcus | DJ Beware | Sick Girls | Dillon | Berlin Battery Special feat. Shir Khan, DJ Supermarkt, Jack Tennis + special guests

Alle Bestätigungen im Überblick (Stand 25.04.2008) Adam Green | Alter Ego | Alexander Marcus | Battles | Björk | Blackmail | Blood Red Shoes | Bonde do Role | Booka Shade | Boys Noize | Burger/Voigt | Caspa | Cobblestone Jazz | The Cheapers | Commix | The Count & Sinden (live) | Crookers | Daniel Haaksman | David Dorad | dEUS | Dillon | DJ Beware | DJ Supermarkt | Die Türen | Doc Scott | Does It Offend You, Yeah? | Editors | Edu K | Efdemin | Ellen Allien | Empro | Fabiano | Fotos | Franz Ferdinand | Friendly Fires | Fujiya & Miyagi | Get Well Soon | Goldie | Gui Boratto | Gus Gus (live) | Henrik Schwarz | Hercules And Love Affair | Hot Chip | The (International) Noise Conspiracy | Jack Tennis | Kate Nash | Kissy Sell Out (live) | Klee | Ladyhawke | Late Of The Pier | Len Faki | Lightspeed Champion | Los Campensinos | Luna City Express | Lützenkirchen | M.A.N.D.Y. | Marcus Meinhardt | Markus Kavka | Markus Welby | Mathias Kaden | Mathew Jonson | MEN (Le Tigre DJs ) | The Mitchell Brothers | Miss Platnum | Miss Kittin & The Hacker | Modeselektor | Moenster | MC Deize Tigrona | MC Glacius | MC Gringo | MC Kemo | MC Lowqui | Mr. Oizo | Mutlu | Navel | The Notwist | Oliver Koletzki | Operator Please | PeterLicht | Philipp Maiburg (Phoneheads) | Renato Ratier | Robyn | Róisín Murphy | Rummelsnuff | Sascha Funke | Say Hooo! | Shir Khan | Sick Girls | Skream | Stereo MCs | Steve Bug | Storm | Supermayer | Superpunk | The Teenagers | Tobias Thomas | Tomas Andersson | Turbostaat | Uffie & Feadz feat. Technotronic | The Whitest Boy Alive | Why? | The Wombats | Zoot Woman

[ http://www.meltfestival.de ]

Melt! Specials

In diesem Jahr möchten wir besondere Aufmerksamkeit auf unsere festivaleigenen Specials lenken: Neben Baile Funk werden in diesem Jahr auch Drum & Bass, Halligalli und Web 2.0 bei uns groß geschrieben.

Halligalli:
Uffie & Feadz feat. Technotronic: Wir bringen wieder einen Act der Gegenwart mit einer Ikone der 90er zusammen. Nach der Liaison zwischen Deichkind und Snap! im letzten Jahr sind wir gespannt auf die Weltpremiere von Uffie & Feadz feat. Technotronic. This Beat is Melt!

Alexander Marcus: Der Einzug eines neuen Genres auf dem Melt!: Electrolore (Electro + Folklore) Der Junge, zu dessen größten Vorbildern Roland Kaiser, Peter Kraus und Klausjürgen Wussow zählen, wird zu später Stund den Melt! Klub zum Tanzen, Lachen und auch Träumen bringen.

Drum & Bass und Dubstep:
Nachhaltig erinnert sich Drum & Bass Altmeister Goldie an seinen Aufenthalt beim Melt! 2007. Deshalb präsentiert er in diesem Jahr gleich über zwei Tage das größte Metalheadz-Special seit langem:

Metalheadz Special feat. Goldie, Doc Scott, Skream, Commix, Caspa, MC Lowqui, Philipp Maiburg und weitere

Melt! featuring Berlin Battery:
Die Jungs vom Online-Blog http://berlinbattery.blogspot.com lieben das Melt! und Melt! liebt sie. Die DJs Shir Khan, DJ Supermarkt (Le Hammond Inferno) und Jack Tennis stellen auf dem englischsprachigen Musik-Blog von nun an die heißesten Acts des Melt! 2008 ausführlich vor und recherchieren für uns die besten Remixe und Videos der auftretenden Acts. Natürlich sind sie mit mehreren befreundeten Acts auch vor Ort am Start.

Melt! con Agua

Viva con Agua kommt aufs Melt! Mit einem ebenso einfachen System verwandelt VcA den Durst der Festivalbesucher in sauberes Trinkwasser für seine Projektdörfer. Die Organisation stellt überall auf dem Melt!-Gelände gut sichtbare Behälter auf, in die jeder Festivalbesucher seine Pfandbecher werfen kann. Viva Con Agua lösen die Pfandbecher dann ein und steckt dene gesamten Erlös in seine aktuellen Projekte für die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser in Nicaragua, Kambodscha und Tadschikistan. Also: Austrinken, Becher spenden, Wasser marsch!

[ http://www.vivaconagua.org ]

Wir freuen uns auf Euch!

Einerseits zeigen die Melter damit, dass der Humor der Introiden-Melt-Berliner nicht meiner ist. Andererseits beweisen sie aber vor allem Geschmack. Ich weiß zwar nicht, wie und wann Hot Chip spielen wollen, da sie eigentlich in Spanien sind das Wochenende, aber das Metalheadz Special feat. Goldie, Doc Scott, Skream, Commix, Caspa, MC Lowqui, Storm, Philipp Maiburg (Phoneheads), MC Glacius, MC Kemo und weiteren lässt mich sabbern. Dazu noch Los Campesinos oder Shir Khan. Das klingt schon alles gut.

Ich werde wohl dennoch nicht hin. Mist.