Rihanna – Anti

Rihanna hat sich an Beyoncé orientiert. Sie hat ihr – in manchen Kreisen – lang erwartetes achtes Studio-Album “Anti” – mehr oder weniger – überraschend und ohne klare Vorankündigung veröffentlicht. Nicht weniger überrascht sie zudem damit, dass die Platte keine der letztjährigen Singles enthält. “Anti” ist frei von “FourFiveSeconds”, “Bitch Better Have My Money” und “American Oxygen”. Es stellt sich die Frage, ob dieses einer gewissen Erwartung Widersetzen das Einzige an Rihanna ist, was “anti”-irgendwas ist.

“Anti” hat dennoch einiges gemein mit den drei Stücken aus dem Jahr 2015. Auch das nun erhältliche Produkt ist eine eher wilde stilistische Mischung und dennoch – oder gerade deshalb – ist es typisch und unverwechselbar Rihanna. Allerdings ist natürlich „typisch Rihanna“ eine schwer fassbare Klassifikation in einer Welt, in der multiple Rihanna-Klone von ihr kaum zu unterscheiden sind, und auch der Unterschied zwischen ihr und Beyoncé objektiv zwar erkennbar, aber subjektiv marginal ist, in einer Welt also, in der ihre Songschreiberinnen ähnliche oder nahezu identische Produkte auch an andere Interpretinnen verkaufen.

Wenn man bereit ist, Rihanna und “Anti” überzubewerten – und nach “American Oxygen” und “Bitch Better Have My Money” ist dies verlockend – ist diese Platte der Höhepunkt der Entwicklung des Pops der letzten Jahre. Mit dieser Platte sind die Entwicklungen der EDMisierung des Pop wie auch der Alternative-R’n’B’sierung des Pop abgeschlossen. Mit dem Erscheinen von “Anti” kann in beiden Sub-Entwicklungen wenig mehr passieren.

In der Tat gehen die Produktionen auf Rihannas achtem Album über das hinaus, was wir in den letzten Jahren im EDM- und R’n’B-inspirierten Radio-Pop gehört haben. Die Produktionen emulieren experimentelle elektronische Musik – naja, Postdubstep und elektrischen Dancehall – weit über das hinaus, was die typischen EDM-Popper bereit sind, an Wagnis einzugehen. Nach eigenen Aussagen wollte Rihanna mit “Anti” mehr Musik präsentieren, hinter der sie selber steht, die ihr selber mehr zusagt. Sängerin und Musikkonsumentin Rihanna sollten mehr miteinander übereinstimmen. Einerseits verwundert es dann, dass die Grundstimmungen weiterhin gleich sind, das heißt Pop, Electro, R’n’B und Dancehall sind weiterhin Rihannas Markenzeichen, andererseits erklärt dies aber, wie es eine Tame-Impala-Coverversion auf “Anti” schafft. Allerdings ist “Coverversion” eine falsche Umschreibung für “Same Ol’ Mistakes”, das im Grunde identisch mit Tame Impalas “New Person Same Old Mistakes” aus dem letzten Jahr ist, abgesehen von Rihannas Gesang.

“Anti” ist subjektiv voller Hits, die sowohl im Radio funktionieren als auch das Indie-Publikum ansprechen mögen. Andere mögen einen Mangel an klassischen Rihanna-Party-Tracks diagnostizieren, aber sowohl “Work” als auch “Consideration” sollten durchaus für die ‘Dancehall’ taugen. Als klassische Ballade bietet sich wiederum nicht nur “Never Ending” an, das um Didos “Thank You” aus dem Jahr 2000 herumgestrickt wurde. “Love On The Brain” wiederum erinnert fast eher an Adele oder Duffy denn an Rihanna. Es sei angemerkt, dass, wie fast zu erwarten, die Platte gegen Ende deutlich nachlässt.

Als Fazit zu Rihannas achtem Album bietet sich eine Zeile aus der Albumeröffnung “Consideration” an: Let me cover your shit in glitter / I can make it gold. Hier findet sich wenig Mist, aber relativ viel Gold – und einiges mehr, das zumindest mittelfristig wie Gold erscheinen wird. “Anti” ist ein wirklich gutes Pop-Album, eines, das mehr Wagnisse eingeht als 90% der Rihanna-Klone zusammen. Mehr war kaum zu erwarten.

Advertisements