Anohni – Hopelessness

Nicht wenige haben sehnsüchtig auf ein neues Album von Anohni gewartet. Auf “Hopelessness” stehen Hudson Mohawke und Oneothrix Point Never der vormaligen Frontfrau von Antony And The Johnsons zur Seite. Schon diese Mitstreiter verdeutlichen: Anohni verabschiedet sich hier von Barockpop und Kammermusik. Andererseits aber unterscheidet sich “Hopelessness” doch nicht so sehr von ihrem vorherigen Schaffen, wie es die Sängerin in Interviews andeutet.

Bei aller Intensität und Beat-Orientierung der Produktionen ist Anohnis erstes Album unter neuem Moniker in keiner Weise ein Dance-Album. So sehr “Hopelessness” eine elektronische Platte ist, dominiert doch ihre Stimme und ihr Gesang den Eindruck bei den Hörenden. Dabei rückt dann die musikalische Untermalung in den Hintergrund, es erscheint unwichtig, ob hinter Anohnis ausdrucksstarkem, expressionistischem Gesang elektronische Beats oder kammermusikalische Arrangements erklingen. Die Wirkung der Platte ist ähnlich intensiv und beeindruckend wie bei den Alben von Antony And The Johnsons. Allerdings schwächelt sie auch gelegentlich. Dies geschieht vor allem in Momenten, in denen Anohni und Produzenten versuchen, das experimentell Elektronische vor die Stimme zu stellen. Das ist einerseits in “Violent Men” der Fall, das mindestens deplatziert wirkt. Es trifft aber insbesondere auf “Obama” zu, dessen düster schwangere Synthie- und Basskaskaden zwar durchaus zu gefallen wissen, in dem aber zudem Anohnis üblicher Gesangsstil einem Quasi-Schamanischen weichen muss, das mindestens in seinem Leiern misslingt und nervt, vielleicht aber auch noch schlechtere Eindrücke hinterlässt.

Neben diesen musikalischen Missgriffen leidet “Hopelessness” auch unter der politischen Aufladung der Platte. Anohni schreibt und singt hier getrieben von Wut und aus Erschöpfung über den Zustand der Welt. Titel wie “Drone Bomb Me”, “Obama”, “Violent Men”, “Execution”, “Crisis” oder “4 Degrees” – letzteres eine Klimawandel-Aufklärungs-Hymne – sprechen Bände.

Dabei klingt die Musik durchaus nicht ausschließlich trist und depressiv, was andeuten mag, dass Anohni nicht ganz so hoffnungslos ist, wie es der Albumtitel vorgaukelt. Dieser scheinbare Mangel an Vereinbarkeit zwischen Musik und Inhalt erlaubt es den Hörenden, Anohnis Versuch zu ignorieren, uns im Angesicht des Leidens des Hier und Jetzt aufzurütteln.

Es geht der Welt mies und es besteht die Gefahr, dass es die nächsten Jahrzehnte deutlich bergab geht. Dies ist Anohnis Botschaft, und es ist etwas, das den meisten Adressaten ihrer Platte vollkommen bewusst sein dürfte. Anohni verdient Bewunderung für ihr Bemühen, diese Botschaft in eine Popplatte, in ein Elektro-Album zu verpacken. Allerdings rennt sie damit wohl offene Türen ein, und wird dennoch keinerlei Veränderung erzielen. Wir sind uns unserer Schuld bewusst, fühlen uns aber ohnmächtig, etwas zu ändern, verschieben das Handeln auf morgen und genießen lieber das heute, wo es uns persönlich noch gut geht und das Leiden räumlich und zeitlich durch einen Bildschirm von uns getrennt ist.

Anohnis “Hopelessness” ist eine tolle Elektropop-Platte. Sie gelingt jedoch nicht wegen ihrer Botschaft. Sie überzeugt trotz ihrer bedeutungsschwangeren Aufladung. Hudson Mohawkes und Oneohtrix Point Nevers Produktionen sowie Anohnis Gesang sind weitgehend von solch überzeugender musikalischer Qualität, dass die Texte kaum wahrgenommen werden im Gehirn.

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