Beyoncé – Lemonade

Es verlockt, Beyoncés sechstes Album “Lemonade” als autobiographische Beschreibung der vergangenen Jahre ihrer Ehe mit Jay-Z zu deuten. Viele Besprechungen gehen diesen Weg, und es scheint auch naheliegend, dass zumindest ein kleines Körnchen Realität hier verarbeitet wird. Der Titel wiederum verweist auf jene Weisheit, dass, wenn das Leben dir Zitronen gibt, du am besten Limonade machst.

Unabhängig davon weisen Äußerungen von Hörer_innen auf Twitter darauf hin, dass manch einem/r Partner_in seit Veröffentlichung der Platte alte und neue Verfehlungen – zu Recht – erneut vorgehalten werden. Beyoncés Mittelfinger-, Lieb-Dich-doch-selbst-, Du-hast-mich-eigentlich-gar-nicht-verdient-Texten sei Dank. “Lemonade” als Gesamtwerk inklusive Botschaft und zugehörigem Film zu betrachten, dürfte aber seine Bedeutung überschätzen. Am Ende des Tages ist es vor allem ein Album voller Musik. Die Musik wiederum reicht von HipHop und R’n’B über Bluesrock bis Country und Reggae und vermag zu begeistern.

Die Liste der Mitwirkenden ist lang und ehrlich. Selbst kleine Beiträge und Inspirationen von Ezra Koenig, Joshua Tillman und Animal Collective werden gewürdigt. Darüber hinaus tragen aber auch Jack White, James Blake und The Weeknd neben den üblichen Verdächtigen wie Diplo, Boots oder Just Blaze zum Gelingen der Platte bei. Wichtigster Bestandteil ist aber natürlich Beyoncés Gesang.

Die Vielfalt ihrer Stimme hat Frau Knowles-Carter in der Vergangenheit zu Genüge bewiesen. Sie schafft es aber auf “Lemonade” trotzdem, neue Facetten zu zeigen. Dennoch findet sich – vor allem zur Mitte des Albums – ausreichend Standard-Beyoncé-R’n’B. “Love Drought” ist das beste Beispiel für eine eher seichte Ballade, die aufgrund ihrer Melancholie doch nicht zum Radiohit taugt. Diese melancholische Stimmung fängt die von Kevin Garrett produzierte Albumeröffnung “Pray You Catch Me” deutlich besser ein, vielleicht nicht zuletzt dank James Blakes Beitrag. Vordergründig ähnlich erklingt “Sandcastles”, ist aber im Kern eine Gospel- und Jazz-Gesang-infizierte Nummer, die durch die Trauer in Beyoncés Vortrag zu berühren vermag.

Die erwähnten Stücke mögen typisch für Beyoncé sein, aber insbesondere “Sandcastles” weiß die Hörer_innen zu überzeugen. Die ebenfalls nicht unbedingt Beyoncé-untypische Eröffnung mit “Pray You Catch Me” führt zudem auf die falsche Fährte, denn gleich danach folgt das Set an Stücken, das für das Gelingen der Platte essentiell ist. “Hold Up” ist eine leicht karibisch angehauchte Ballade, in deren Zentrum das Motiv aus Andy Williams‘ „Can’t Get Used To Losing You“ steht. Es erstaunt, zu welch diskreten Produktionen Diplo in der Lage ist und wie effektiv er das Stakkato des erwähnten Motivs in Szene setzt. Von diesem Albumhighlight geht es direkt weiter zum nächsten. Beyoncés Gesang gepaart mit dem Jack Whites machen aus “Don’t Hurt Yourself” ein erstaunliches Stück wütenden Bluesrock-R’n’Bs. Es mag recht typisch für Jack Whites Schaffen sein, aber Beyoncé vermag ihm ihren ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Im Vergleich zu diesen beiden Stücken fallen die cluborientierte Schlussmach-Nummer “Sorry” und das The-Weeknd-Feature “6 Inch” zwar – leicht – ab, aber das erlaubt es, sich auf das vorzubereiten, was folgt. Auf “Daddy Lessons” verbinden Beyoncé und Mitstreiter ihr Alleinstellungsmerkmal – ihre Stimme – mit Country. Was abschreckend klingen mag, entwickelt sich zu einem Höhepunkt eines an solchen reichen Albums. Es bricht auch die eher melancholische Grundstimmung der Platte leicht auf.

Der Meister des melancholisch trauernden und tragischen Vortrags und der ebensolchen Inszenierung ist heutzutage sicherlich James Blake. Dessen Miniatur “Forward” leitet den vorwärtsgewandten, abschließenden Teil der Platte ein. So zerbrechen Beyoncé und Kendrick Lamar mit ihrem aggressiven Vortrag Ketten in “Freedom”, und die Kraft, die das Album-abschließende “Formation” ausstrahlt, ist bereits seit dem 2016er Superbowl bekannt.

Begleitender Film, Reflektion der eigenen Lebensumstände und überraschende Veröffentlichung auf Tidal sind alles Punkte, die Beyoncés “Lemonade” Aufmerksamkeit verschaffen. Am meisten Beachtung verdient jedoch die Vielfalt der Musik auf der Platte. Wo dies wie ein wildes Sammelsurium wirken mag, ergibt es hier dank Beyoncés Gesang und dem gelungenen Gesamt-Arrangement der Platte ein Album, das in seiner Gänze wie in der großen Mehrzahl seiner Teile fast vollständig überzeugt.

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