Bon Iver – Bon Iver

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Es war wohl wieder ein guter Winter für Justin Vernon. Allerdings gibt es, als einer der Brennpunkte des Pop-Universums, wohl kaum eine Saison, die nicht einträglich ist. Bon Ivers zweites – selbstbetiteltes – Album vermag durchaus unterschiedliche Reaktionen auszulösen. Einerseits wirkt es grandios, vielleicht gar größer als „For Emma, Forever Ago“, dann provoziert es aber auch eine starke Kitschempfindung. Allerdings schließt sich dies beides nicht aus. Weniger vereinbar mit der Charakterisierung als Meisterwerk ist dann aber das Gefühl, „Bon Iver“ plätschere an einem vorbei, besitze keine Momente, die einen aufhorchen lassen. Natürlich trifft diese letztere Regung nicht absolut zu – immerhin gibt es „Perth“, „Calgary“, „Minnesota, WI“ und „Beth/Rest“ –, dennoch aber kann man „Bon Iver“ schlussendlich als etwas zu seicht empfinden.

„For Emma, Forever Ago“ löste in seiner akustischen Einfachheit Gefühle der Kälte aus. Die Reduzierung und Klarheit verströmte eine fast schmerzliche Einsamkeit. Bon Iver verführte dazu, sich in sich selbst zu verkriechen und in dieser regressiven Einstellung einen Ruhepol einzunehmen. All dies trifft auch auf den Nachfolger zu, und doch ist hier vieles anders. Mehr als auf dem Vorgänger spielt Vernon mit dem Hall, er versucht seinen Stücken das Gefühl räumlicher Weite zu verleihen. In diesen Räumen, dieser von Wänden, die den Schall reflektieren, eingegrenzten gigantischen Weite singt er diesmal nicht nur im so unverwechselbaren wie befremdlichen Falsett, sondern überrascht, der Stimmung angemessen, in tieferen Tonlagen. Das Gefühl der Klarheit, das der verwendete Hall verströmt, steht im Gegensatz zur Unklarheit von Vernons Gesang. „Bon Iver“ erzeugt Spannung aus diesem Gegeneinander von Rauschen und Signal.

Wo der Vorgänger durchaus einfach unter Weird-Folk-Gesichtspunkten betrachtet werden konnte, besitzt das neue Album von Anfang an einen neo-progressiven Pop-Charakter. Keyboard und Bläser sorgen für eine latente 1980er-Jahre-Ästhetik. Ob dieser Kitsch nun eher unter Phil-Collins-trifft-Prince-Gesichtspunkten betrachtet wird – wie es das weltweite Netz vielfach tut –, oder ob man sich doch eher massiv an Marillions „Misplaced Childhood“ erinnert fühlt – wie dieser Rezensent –, sei jedem selbst überlassen. Unbestritten besitzen diese Songs jedoch eine ungemeine, poppige Schönheit und sind dennoch so spannend inszeniert, dass immer wieder Momente des restlosen Staunens entstehen. Diese positive Emotion des Staunens aber wird noch übertroffen von der uneingeschränkten Euphorie, die fast jede von Vernons Melodien hier hervorruft. Hierzu gehören auch die ersten Takten von „Perth“, mit denen Justin Vernon gleich zu Beginn des Albums für sich gewinnt – so wie er mit ihrem Einsatz im Teaser-Video bereits für Spannung sorgte.

Darüber hinaus – und hier tritt jener Vorwurf des simplen Vorbeiplätscherns wieder in den Vordergrund – sind es aber vor allem „Calgary“ und „Beth/Rest“ am Ende des Albums, die in ihrer 1980er Jahre Prog-Anschauung durchgängig zum Hinhören zwingen. Das soll nicht heißen, dass – z.B. – „Minnesota, WI“ kein fantastischer Song wäre, oder „Hinnom, TX“ nicht in seinem Verströmen einer flirrenden Hitze in seinen Bann ziehen würde, doch lassen sich diese Qualitäten ebenso leicht ignorieren wie bewundern. Alles in allem ist dies ein faszinierendes zweites Bon-Iver-Album, eines, das in seinem seelenvollen Folkprog-Auftreten Vernons Ruf genauso in Kanyes Camp wie im Fleet-Foxes-Lager festigen und nochmals vergrößern wird. Vermutlich wird es sogar langfristig noch vor dem Debüt angeordnet werden, aber das ist jenseits einer Rezension zum Veröffentlichungstermin.

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