Beginner – Advanced Chemistry

Wie kommt es, dass die Beginner solch ein Mythos sind? Liegt es mehr am ersten Deutschrap-Nummer-Eins-Album oder mehr am “Liebes Lied”? Oder ist der Grund, dass sie damals wie heute als Kristallisationspunkt des norddeutschen Deutschraps der späten 1990er erscheinen – dank Eimsbush und Mongo Clikke? Es ist schwer, im Nachhinein an Ferris MC, Dynamite Deluxe, Eins Zwo oder Fünf Sterne Deluxe zu denken, ohne im gleichen Zug an die Beginner. Selbst Deichkind hatten irgendwie den Eimsbush-Sound. Dass Fettes Brot oder Fischmob auch Hamburg-HipHop sind oder waren und weniger bis gar nichts mit Eimsbush zu tun hatten, fällt leicht unter den Tisch.

Wie dem auch sei, veröffentlichen die drei Beginner Jan Delay/Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad dreizehn Jahre nach “Blast Action Heroes” dann doch noch ein viertes Studioalbum. Wobei, irgendwie ist “Advanced Chemistry” zwei Alben. Zum einen ist da das eigentliche Album mit seinen zwölf Stücken, und dann ist da das abschließende Mixtape “Foxy Music”. Es sind zwei sehr verschiedene Sammlungen, die offenbar unterschiedliche Funktionen erfüllen.

Das eigentliche Album wirkt in großen Teilen, als sollten damit die treuen Fans belohnt und das kommerzielle Interesse der Plattenfirma befriedigt werden. Überhaupt scheint das Album nicht aus dem Wunsch entstanden zu sein, noch ein Album aufzunehmen, oder dem Zwang, Erwartungen erfüllen zu müssen. Die Belohnung der Fans scheint eine größere Motivation gewesen zu sein. So changiert es zwischen Rap-Pop und Deutschrap. Dann ist da aber “Foxy Music”. Dabei stand offenbar vor allem der Spaß der Beginner am eigenen Schaffen im Mittelpunkt. Das Mixtape dürfte zudem die (nostalgischen Alt-)HipHopper in jeder Hinsicht zufriedenstellen.

Beide Teile der Platte prägt eine gehörige Nabelschau der drei Fischköppe. Im Mittelpunkt stehen Hamburg, das eigene Schaffen, die eigene Vergangenheit und die eigene Rolle im Großwerden des Deutschrap. “Foxy Music” ist denn auch in erster Linie ein Mixtape aufgefrischter alter Beginner-Tracks und -Kooperationen ergänzt durch einige wenige Favoriten. Eingerahmt wird es mehr oder weniger von “Natural Born Chillas” und einer Interpolation von Fischmobs “Susanne Zur Freiheit”.

Dem Interesse der Plattenfirma dienen sicherlich die verschiedenen Gäste, selbst wenn die Beginner glaubhaft betonen, sie seien Fans dieser Künstler. Wirklich zum Gelingen der Tracks und der Platte tragen aber weder Megaloh und Haftbefehl, noch Samy Deluxe und Gentleman bei. Allein “Ahnma” wäre ohne Gzuz-Beitrag wohl ärmer, und “So Schön” wird durch Dendes Beitrag sinnvoll ergänzt, wäre aber ohne diesen nicht schlechter.

Wie schon “Blast Action Heroes” vermag das vierte Album der Beginner nicht, die überhöhten Erwartungen zu erfüllen. Der Mythos Beginner lässt zumindest den vom Deutschrap der 2000er und 2010er enttäuschten Hörer eine Wiederbelebung und eine kreative Frischzellenkur erhoffen. Was er jedoch bekommt, sind den qualitativen Beginner-Standard haltende Tracks. Gleich zu Beginn sind da die typischen Synthesizer-Fanfaren und immer wieder schlägt die Reggae/Jamaika-Affinität der drei durch. Dagegen findet sich nicht wirklich etwas von Denyos Trap-Begeisterung. Hier überrascht wenig und überzeugt das meiste.

Was die Raps anbetrifft, ist verständlich, dass nach dreizehn Jahren Abwesenheit zunächst die eigene Position bestimmt werden muss. Entsprechend nimmt der verbale Platzkampf einen zentralen Teil der Platte ein. Dafür stehen nicht nur “Ahnma”, “Es War Einmal”, “Meine Posse” und “Rap Und Fette Bässe” – wobei letzteres natürlich Afrob und Ferris MC zitiert. 20 Jahre nach dem großen Deutschrap-Hype lässt sich positiv festhalten, dass die Beginner ihre Selbstbeweihräucherung unter den Titel der wahren Deutschrap-Pioniere “Advanced Chemistry” stellen, ohne welche die Explosion des Genres wohl kaum passiert wäre.

Manch Hörer mag sich wünschen, es gäbe mehr Geschichtenerzählen und mehr Reflektieren der Außenwelt, bei denen Denyos und Eizi Eiz’ Wortwitz nicht nur der Legendenbildung dient. Dies gilt umso mehr, als Stücke wie “Spam” oder “Kater”, die genau diesen Wunsch bedienen, zu den schwächeren auf “Advanced Chemistry” gehören. Allein “So Schön” kann in dieser Hinsicht überzeugen. Man könnte diese Hymne auf die Frauen zwar auch aus einem sexistischen “Lach doch mal wieder”-Blickwinkel sehen, aber das wäre böswillig um die Ecke gedacht. Es ist angebrachter, “So Schön” genau umgekehrt zu interpretieren, als ein: Ladies, tretet mich in den Arsch, wenn ich sexistische Kackscheiße erzähle. Wie immer schon darf man Teile von Jan Delays Texten und Äußerungen nicht auf die Goldwaage legen. Zeilen wie Monsanto ist der Feind mögen Zielgruppen-opportun sein, aber ihre Sinnhaftigkeit ließe sich durchaus diskutieren.

Alles in allem ist “Advanced Chemistry” ein typisches Beginner-Album. Sie liefern ab auf ihrem eigenen Niveau, auf ihre eigene Art und in ihrem eigenen Stil. Das taugt in keiner Weise, den Deutschrap in eine neue Sphäre zu stoßen, noch die Schlucht zwischen End-1990er- und 2010er HipHop-Fans zu überbrücken. Es bedient aber definitiv die Nostalgie der ersteren und mag vielleicht auch manchen der anderen gefallen. So sehr manche subjektiv enttäuscht sein mögen, so sehr müssen sie zugestehen, dass “Advanced Chemistry” nicht nur ein solides, sondern ein gutes – aber eben kein großes – Beginner-Album ist. Andernorts bezeichnete es jemand als feine Platte – und das passt.

Advertisements