James Blake – The Colour In Anything

Wenige Künstler – wenn es sie denn überhaupt gibt – schaffen es, über die volle Länge einer herkömmlichen Compact Disc vollkommen zu überzeugen. Ein Album von 70 bis 80 Minuten Länge verlangt entweder einfach zu viel Aufmerksamkeit von den Hörenden oder aber zu viel Kreativität von einem Künstler. Auch James Blake schafft es nicht, das Niveau über die 76 Minuten seiner neuen Platte “The Colour In Anything” gleichbleibend hoch zu halten. Da hilft schlussendlich nicht einmal die Unterstützung durch die Kollegen Justin Vernon und Frank Ocean sowie Rick Rubin.

Blakes Album war die dritte Platte, die innerhalb von gut 14 Tagen überraschend erschien. Erst war da Beyoncé, dann kam Drake, dann Blake, und zu guter letzt veröffentlichten auch noch Radiohead ihr neuntes Album zwei Tage nach Blake. Nicht zuletzt, da James Blake auch an Beyoncés “Lemonade” beteiligt war, hatte er die Veröffentlichung verschoben, nur um dann mit Radiohead zu kollidieren. Für Fans von Blake und der Band um Thom Yorke war das Vater- und Muttertags-Wochenende 2016 wohl in etwa wie das Zusammenfallen von Geburtstag und Hochzeitstag – oder wie auch immer das Sprichwort heißt.

Auch wenn bemängelt werden muss, dass “The Colour In Anything” zu lang ausfällt, schaffen es Blake und Rubin als Produzenten, die Übermüdung in Grenzen zu halten. Tatsächlich zieht sich “The Colour” vornehmlich ganz zu Beginn und gen Ende, wohingegen die mittlere Stunde nicht nur zu gefallen vermag, sondern sogar überrascht.

Natürlich steht auch auf “The Colour” Blakes melancholischer, fragil gemütvoller Falsett-Gesang im Zentrum – sei es natürlich oder technisch modifiziert. Selbstverständlich findet sich ausreichend Klavierspiel, das durch von der Bassmusik geschulte Beat-, Electro- und Bass-Werkzeuge ergänzt wird. Ohne Zweifel klingt hier vieles stilistisch altbekannt. Das liegt vielleicht nicht zuletzt daran, dass jene Stilmittel, die Blake in seinen ersten EPs und seinem Debüt populär gemacht hat, sich von Jamie Woon bis Låpsley, von Justin Bieber bis Beyoncé heute überall wiederfinden.

Es sind die Elemente, die über das zu Erwartende hinausgehen, die diese Platte interessant machen. Allerdings überzeugen auch diese nicht durchgehend, werden gegen Ende in “Modern Soul” und “Always” tatsächlich fast lästig und erschließen sich auch zu Albumbeginn nicht sofort.

Dennoch wird es bei genauerer Auseinandersetzung bereits im eröffnenden “Radio Silence” deutlich, dass Blake, Rubin und Kollegen einiges mit den Hörenden vorhaben. Vordergründig ist das Stück klassischer James-Blake-Pop, Gesang, Synth und Rhythmik klingen primär altbekannt. Doch dann ist das Piano doch etwas anders intoniert, der Synthesizer wird anders bedient als auf vergangenen Alben und auch Blakes Stimme erscheint zugänglicher als früher.

Im weiteren Albumverlauf vertieft sich der Eindruck, irgendetwas liefe hier anders als zuvor bei James Blake. Eine Reihe von Elementen lässt das Album ab “Timeless” meist zwischen spannend und außergewöhnlich hin und her wechseln – auch wenn sich selbst hier immer mal wieder ein altmodischer Blake-Moment einschleicht oder manch ein Element nicht vollständig gelungen erscheint. Seien es fast Rave-artige Produktionen oder klassische Pop-Momente, seien es Inspirationen aus dem Folk, HipHop, Gospel, 80er Jahre Filmmusik, House, Soulfunk oder britische Bass-Musik, werden sie offensiv eingesetzt oder ganz subtil, fast immer dienen sie den Stücken, statt zu dominieren, ergänzen sie Blakes Stimme und Songwriting. Mag “The Colour In Anything” im Kern klassischer James Blake sein, sind es diese mutmaßlich Rick Rubin zu verdankenden Verschönerungen, die in der Lage sind, den Hörenden im Laufe dieser überlangen und vordergründig eintönigen Platte immer wieder Klänge der Begeisterung zu entlocken. Selbst in einer eigentlich trägen und zurückgenommenen Nummer wie dem abschließenden “Meet You In The Maze” vermag Blake es, Momente einzubinden, die Gänsehaut auslösen.

Es war (quasi objektiv) unwahrscheinlich, dass James Blake ein richtig schlechtes dritten Album vorlegen würde. Es war subjektiv zudem wenig wahrscheinlich, ein drittes Mal von einem James Blake so angetan zu sein.

In der Erinnerung an eine typisch Blake’sche Klangschrift lässt sich leicht vergessen, wie intensiv der Vorgänger “Overgrown” war, was für eine triphoppige Emotionalität er besaß. Dies schaffen Rubin, Blake und andere auf “The Colour In Anything” nicht, allerdings versuchen sie es auch nicht. Dennoch ist es nachvollziehbar, falls Hörerinnen des Blake’schen Drittlings diesen als sein bestes Album bezeichnen. “The Colour” erscheint reifer, vielfältiger in der Mittelwahl und trotz seiner Überlänge eingängiger. Während Blake weiterhin seinen speziellen Klang beibehält, verfeinert er ihn. Er und seine Helfer wählen diesmal weniger den triphoppigen Weg des Zweitlings, sondern eine poppige Variante. So schafft Blake es (subjektiv überraschend), auch mit seiner dritten Platte vielfach zu begeistern und durchgängig zu gefallen.

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