Ryuichi Sakamoto & Alva Noto, Bryce Dessner – The Revenant OST

The Revenant, der neue Film von Alejandro González Iñárritu mit Leonardo DiCaprio, ist, schenkt man Trailer und den positiven Besprechungen Glauben, ein außergewöhnliches Filmereignis. Auch die Filmmusik ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert.

Aber es bedarf für einen Filmscore mehr, als dass er Beachtung verdient, um gut zu sein. Ein hervorragender Soundtrack funktioniert ohne den Film. Er ist unabhängig vom Bild hörenswert. Daran aber mag es hier, soviel sei vorweggenommen, der Musik von Ryuichi Sakamoto, Carsten Nicolai aka Alva Noto, Bryce Dessner, s t a r g a z e und Hildur Guðnadóttir ein wenig mangeln.

Ein Großteil der musikalischen Untermalung des Films stammt von Sakamoto, der bereits für seinen Score zu The Last Emperor aus dem Jahr 1987 einen Oscar erhielt. Für ihn ist es eine der ersten Arbeiten nach seiner Krebstherapie. Nicht nur deshalb holte er für eine Anzahl von Stücken Alva Noto hinzu, mit dem er in den letzten fünfzehn Jahren bereits auf fünf Alben zusammengearbeitet hatte. Zudem bat Regisseur Iñárritu The Nationals Bryce Dessner, zusätzliche Stücke beizutragen. Er hatte dessen Musik in den frühen unfertigen Versionen des Films verwendet.

Sakamotos Stücke wurden mit einem kleinen Streicherensemble eingespielt, wobei auch seine ursprünglichen Synthesizereinspielungen genutzt werden. Alva Noto trug nicht zuletzt elektronische Elemente bei, die Iñárritu von Anfang an wünschte. Dessners Kompositionen wiederum wurden von 25 Musikern des stargaze-Ensembles unter André de Ridder eingespielt. Die Cellistin Guðnadóttir unterstützt Sakamoto bei einer Reihe von Stücken.

So vereint diese Filmmusik mit Sakamoto und Dessner zwei der interessantesten modernen Komponisten, wobei weder Nicolai noch die anderen Musiker vernachlässigt werden dürfen. Darüber hinaus hat aber Iñárritu einzelne Stücke der verschiedenen Komponisten nachträglich zusammenführen lassen.

Streicher, Synthesizer, weiteres Elektronisches und Orchester (also stargaze) bilden das Fundament, das so geschrieben eher typisch erscheint für Filmmusik. Allerdings, auch wenn Streicher als Grundgerüst tatsächlich eher altbekannt sein mögen, ist der spezifische Charakter dieses Soundtracks, die Verwendung von langgehaltenen Noten, die Tendenz die Streicherklänge als Drones zu nutzen, eher untypisch. Schon das Hauptthema des Films, das sich in Variation durch zahlreiche Stücke zieht, verdeutlicht dies. Im weiteren Verlauf verstärken die elektronischen Elemente, die über das bereits im Hauptthema präsente Echo aus dem Synthesizer hinausgehen, den Eindruck, es hier weniger mit Ensemblemusik denn mit ambienter, Drone-inspirierter, elektronischer Musik zu tun zu haben. Sie wird nur von Streichern gespielt, und diese dominieren ohne Zweifel.

Die vornehmlich langsam getragene Atmosphäre der Stücke betont den ambienten Charakter. Dieser Grundeindruck ist es auch, der es bei aller Faszination und Qualität der Kompositionen erschwert, diese Filmmusik als eigenständiges Album zu hören. Zu getragen und atmosphärisch, zu sehr flächig wie Tapeten und Teppiche, zu sehr Wohnraum auskleidend sind die Stücke. Im Sinne Brian Enos ist diese Musik auf dem “Grat zwischen Melodie und Struktur”. In all ihrer dezenten Unaufdringlichkeit entspricht sie exakt Enos Ableitung des Wortes „Ambient“ aus dem Lateinischen “ambire”: dieser Soundtrack umgibt einen. Insofern mangelt es ihm eben aber auch an Elementen, die hängenbleiben.

Jenseits dieser Kritik aber zeigen Dessner, Sakamoto und Nicolai hier die große Kunst der Filmmusik. Eben weil sie über das für Filmmusik Typische hinausgehen und, etwas unverschämt formuliert, einen Score jenseits des Hans-Zimmer’schen vorlegen, lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem The-Revenant-Soundtrack. Die stoffliche Struktur dieser Musik vermag, so die Hörenden sich darauf einlassen, sie komplett zu umschließen. Dies heißt nicht, sie packe die Hörenden in Watte. Vielmehr schaffen die Komponisten, Musiker und Produzenten es, mit ihrer Musik die Hörenden vollkommen von der Außenwelt zu isolieren, ohne sie dabei zu sichern. Diese Musik greift wohlklingend Stimmungen auf, ist aber auch anspruchsvoll, sie ist dezent und doch fordernd.

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