Text von 2003: #Beginner – Blast Action Heroes

am

Was ich 2003 auf ciao.de als meteohh über „Blast Action Heroes“ der Beginner verbrach/schrieb:

Der eine feiert die 5 Sterne als die einzig wahren deutschen Raphelden. Der andere liebt Zentrifugal und Kinderzimmer Productions. Der dritte findet deutschen HipHop eh bescheuert, außer Fanta Vier und die Brote. Der vierte schwört auf Flashnizm und Bambule. Und irgendein fünfter mag vielleicht besonders Rödelheim und Xavier. Ein sechster mag nur Doppelkopf und Eins, Zwo. Kool Savas, Azad und Bushido Liebhaber ignorier ich hier.

Aber das meiste davon ist eh Vergangenheit. 5 Sterne haben nach Sillium enttäuscht. Von Zentrifugal und Doppelkopf hat man nichts mehr gehört. Eins, Zwo sind aufgelöst. Die Brote machen eh HipPop. Auf hohem Niveau, aber dennoch. Die Vier aus Stuttgar. Ach lasst sie, wo sie sind. Und doch gibt es nächstes Jahr ein neues Album – wahrscheinlich.

Die einzige Wahrheit ist: Deutscher HipHop ist in den letzten drei Jahren ziemlich auf den Hund gekommen. Innovatives und gutes habe ich nicht gesehen oder gehört. Ähnlich sehen es auch unsere drei Freunde aus Hamburg-Eimsbush.
Irgendetwas surrt mir um die Ohren. „Oh ja die Beginner, die Beginner, sind back, sind back, around the eck, back in town.“ Ach ist das schön.

Das Album hatte sich in der Presse lang angekündigt. Lang war schon bekannt, das nicht klar ist, was es denn nun sei. Name unbekannt, in letzter Minute noch ‘nen Track rasch verändert. Alles im Fluss und doch irgendwie von der Realität um eine Woche überholt. Aber dazu später und damit konnte man ja nicht rechnen.

Es bouced, es bebt. „Back in Town“. „Hamburg, nicht so ’ne Kackscheiße.“ „Wir kommen mit best of rap, statt mit best of the dome.“ Innerhalb von 30 Sekunden ein Haufen Wahrheit über das eigene Schaffen. Drei Typen, drei Köpfe, die eins schaffen. Gute Musik. Guten HipHop. Zum Tanzen, zum Denken. D e n k e n. Ist das Wort bekannt? „Viele sind taub und hören Ja Rule.“ „Vier Jahre und es passierte so vieles. Der Aufstieg und der Fall eines ganzen Musikstiles.“ Bezug auf den Niedergang eines Musikstiles, einer besonderen Qualität. Bezug auf den Krieg in Afghanistan. Die Beginner beweisen, um das absolut bereinigt, dass sie mehr Bewusstsein haben, ohne es platt zu verkaufen. Vier Jahre in einem Song. Tanzbar durch Beats und Samples. Old-School. New-School. Schon Cover und Digi-Pack-Gestaltung zeugen von einem überdimensionierten Ego, … das im Bezug auf deutsche Musikszene und HipHop-Community angebracht ist. Wer das Cover von Public Enemys It takes a nation of Millions mit den eigenen Gesichtern versieht, beweist Bewusstsein, guten Geschmack und … siehe ein paar Zeilen weiter oben.

Und nach dem äußerst überzeugendem Start folgt der erste Mega-Burner der Blast Action Heroes. „Wer bist’n Du?“ Das Video könnte bekannt sein. Und wo ich mich beim Fernschauen noch fragte, wer um Himmels Willen im Hintergrund verzehrt „Wer bist’n Du?“ säuselt, weiß ich es nun. Nein, es ich nicht ein Kind(erchor). Nein, Nina Hagen wird derzeit nicht nur von Apokalyptica gefeatured. Die Beginner nutzen ihr „Ausnahme“-Organ zur Vorstellung. Das E, das D, das M. Eizi Eiz, Denyo und Mad sind da. Gesampltes Gitarrenriff. Megabassbeat. Ziggi-Zweifel. Geschickt und genial platzierte Sample. Wie war das? Old-School, New-School? Yes, indeed. Mad, Denyo und Izzy Eißfeldt wissen, wie man Sampler, Synthie und Scratches einsetzen muss. Hier wird geklotzt und nicht gekleckert. Hier gibt es Schampus und Selters. Das eine für den Flüssigkeitshaushalt, das andere für die Feier. „Meine Styles sind wie Finger in die Steckdose.“ Wenn „Back in Town“ schon andeutete, eine neue Definition von Hammer ist im Anflug. Hier wird all den Nervensägen im deutschen Rap-Zirkus gezeigt, wo der Hammer hängt.

Ein Hammer, der schon alt ist wohlgemerkt. Alt und massiv. Die Beginner haben mich zu Bambule-Zeiten ziemlich schnell angenervt. Ihre Videos wurden einfach viel, viel, viel zu viel gespielt. Die Genialität war mir bewusst – im Grunde schon seit meinem Kontakt zu Natural Born Chillas. Und doch. Sie wurden für mich totgehypt. Stop. „Hamburg zwei-null-null-drei.“ Ein Hammer schon 10 Jahre alt. Deutscher HipHop. Aus autonomen Jugendzentren hervorgekrochen. Aus einer Parallelkultur. Die Antifa als Gebärmutter einer neuen Kultur. Diese ihr schnell entwachsen. Aber auch heute noch, gibt es in dieser Kultur Bands, die sich ihrer eigenen Vergangenheit entsinnen. Und wenn es nur insofern ist, dass sie ihre damaligen Antifa-/Polit-Themen heute mit neuen Mitteln und Fähigkeiten thematisieren. Wie unsere drei kleinen Freunde von den Beginnern nicht nur aber auch in „Scheinwerfer“. „Hamburg zwei-null-null-drei. Es ist dunkel hier, aber manche haben Scheinwerfer. Deutschland im Dunkeln, das sind Warsteiner- und Stoiber-Fans und New-Balance-Botten die abhotten zu Eurodance. Das ist Partystimmung bei Grabschändern und Brandstiftern und seit neuestem hören sie deutschrappende Tonguetwister. … Deutschland im Dunkeln, das sind glatt geleckte Innenstädte, Menschenleer nur Straßenfeger mit Pinzette. … Geil auf Gesetze und im Fernsehen laufen Strafverfahren. … Ja, Deutschland im Dunkeln, in den Hügeln sind wieder Wandertage und die Wiking-Kameraden marschier’n über Trampelpfade, Formiert in Fackelzügen … Das ist ‘ne Kopfnuss in Cottbus, oder ‘n Anschlag in Darmstadt, oder ’ne Schelle in Celle, ein gebrochenes Schlüsselbein in Rüsselsheim, und Flaschen mit Benzin in Maschen und Schwerin.“ Dazu ein knallharter Synthiebeat, R’n’B-Summen im Chorus, synthetisches Xylophon klimpert im Hintergrund. Alles so schön harmonisch. Bis auf die harten Beats und die ebensolchen Raps von Denyo und Eißfeldt. Jan beweist zudem wie nicht zuletzt als Jan Delay seine gesanglichen Qualitäten. Hart. Tanzbar. Bewusst. Real. Hart nicht um hart zu sein. Nicht platt. Hart um hinzuweisen. Um klarzustellen. Kapiert Ihr’s, werden wir gefragt. Tun wir’s?

Break. Wir wissen Bescheid. Aber bei allem kann man ruhig auch mal was positives rappen. „Gustav Gans.“ „So sieht’s aus, wozu der ganze Schwermut.“ Es geht uns gut. Ein flockig leichter Beat. Das Gegenstück. Ein Blasinstrument bietet dazu ein luftiges Melodiespiel. Geschickte Samples – mal wieder. Hier lebt man auf. Das Leben ist nicht zu schwer, um nicht mal auf Wolke sieben zu schweben. Ein wunderbar Chiller, zur Unterstützung der positiven Energie. Vielleicht wird es demnächst zu sehr als „Cheech-und-Chong Hymne“ missbraucht, aber dazu ist wirklich perfekt geeignet. Voll auf die Zwölf – die positive. „Jetzt sollt Ihr Lächeln und Dancen – ohne Widerrede.“ Ja. Ich fühl mich gut. Glaubt mir. Wegen dem Track. Wirklich.
Die Möwen kreischen. Die Elbe plätschert gegen die Brücken. Ein Keyboard gibt die Melodie vor. Luftig regnerisch geht weiter. Mit einem Hauch von Schwermut. Der Beat setzt ein. Streichersamples. Einzelne Töne. Ach ist das schön. „City Blues.“ Mein Lieblingstrack. Wenn man sich hier mal nicht so wohl fühlt – wo iss’n hier? – also, wenn ich mich in HH mal nicht – was iss’n HH? – gut, manchmal geht mir Hamburg echt auf den Arsch. Wenn die Busfahrer spinnen, wenn es schifft. Seit 120 Stunden. Wenn ich vom Geomatikum den Philosophenturm nicht mehr sehen kann. Also dann, dann sollte ich diesen Hit hören. Dann bin ich mir wieder sicher. Hier geht was. Hier leb ich, hier bin ich Mensch. This is a wonderful place to be. „Das ist Hamburg und die Sonne scheint … nicht. Nein, es pisst wie immer. … Denn bei Euch im Süden von der Elbe, da ist das Leben nicht dasselbe.“ Yes. Ja. Richtig. Denyo und Eizi Eiz. Smoothe Raps. Alles passt. Der Song zur Stadt. Mal wieder. Hamburg wurde in den letzten Jahren von den hiesigen Rappern mehr als einmal in den Battle geführt. Zurecht. Hier wird übertrieben, dick aufgetragen. „Und statt unsympathisch, jung-dynamisch wie Friedrich Merz ist hier alles laid back, relaxed und friesisch herb.“ „Wir brauchen halt ‘ne Weile, bis wir auftauen.“

„Das ist meine Stadt, schön und abgefuckt.“ So isses!

Aber in D-Land, in HH ist nicht alles Gold! Mit „Schiss“ rappen unsere drei Beginner absoluten Klartext einmal mehr. „Wir haben Schiss, … alle haben Schiss.“ Ein Keyboard kreischt, als ob es ein Horrorfilm wäre. Ein Beat darüber. Unsere rappenden Unterhalter halten sich nicht zurück. Wagen es sogar im Hintergrund ein Hitler zu ziehen. Niemandem und auch den Beginnern in einem anderen Track würde ich dies verzeihen. Aber hier ist es gut. Passend. „Wenn Du nicht weißt, ob diese Platte jemals rauskommt, weil das Schwein gerade wieder ganze Völker ausbombt.“ „Seit gestern verfolgen wir alle im TV das Einäschern.“ „Wenn es Torpedos hagelt aus Ami Land.“ Der Beat blubbert, Samples unterstützen die Atmosphäre. Schiss weckt die Paranoia. Das ist normal. Wir müssen den Schiss – und seine Auslöser – mit unserem Selbstbewusstsein konfrontieren.

Pause. Es folgt „Stift her“. Die Partyhymne. Selbstbewusst wird unter anderem – wohl zum ersten Mal – die Problematik des Rippens auf vernünftige Weise – nämlich von beiden Seiten – beleuchtet. „St. Anger“. Offensichtlich erst nach Metallicas Album betitelt. „Aggro“. Sphärisch, doch mit harten Raps. Ein wenig Gedisse gegen Viva, Effenberg, die Krankheiten im TV. Erkan und Stefan. Vatikan. CDU-Neopunks. Das flehentliche Herbeisehnen der Wiederkehr von Dynamite Deluxe und Stieber Twins. Womit auch klar gemacht wäre, was von den aktuellen Rap-Stars im Musik-TV gehalten wird. Ungefähr soviel wie von Zlatko. Pause-Ende.

„Chili-Chil Bäng Bäng“. Oder für nicht Hamburger. Schilli-Schill Bäng Bäng. „Isn’t this a story that must be told, about two politicians.“ 6 Tage nach Schills Rausschmiss erschien das Album. So verliert dieser Track ein wenig an Gewicht. Immerhin waren die zwei der Adressaten hiermit abgeschossen. Ordnungsliebe und ein dreizehntägiges Kind, das schon Polizei sagen kann. Wendehälse und andere zwielichtige Gestalten. Hier wird mit dem aktuellen Hamburger Senat hart und intelligent zu Gericht gesessen. Einmal mehr geschickte Samples und Zitate. Ein sphärisches Melodieloop, mit Scratches und Beats versehen. Advanced Chemistry werden offensiv zitiert. Das Gegenstück zum City Blues. Die klare Kennzeichnung des Grauschleiers über HH. Und an anderen Stellen. „We would like to apologize for the way in which politicians are presented in this program. – Gelächter.“
Fast Ende. „Hör Weg“. „Fäule“ bringt einmal mehr den HipHop-Tanzbodenfüller. Perfekte Kombination von deutscher Sprache, Beats, Samples, Loops, Scratches. Die erste Single, die schon ankündigte. Da geht was, dieses Jahr in HH. Ein Bekenntnis zur Musik. Zur eigenen Profession. Zum guten Geschmack. „Lieber Herr oder Frau Musik, ich möchte Ihnen von Herzen Danken“ … wie auch „God is a music“. Featuring Max – kennen Sie noch Maximilian? – wird hier die eigene musikalische Vergangenheit gewürdigt. Max liefert dafür den R’n’Bigen Hook. Auch Xavier hätte das wohl singen können. Aber so passt es. Ganz großes Kino. Die Raps in „Maschinengewehr“-Geschwindigkeit. In Schallgeschwindigkeit – sozusagen. Klare Beats. Klare Synthiesounds. Der Bass bounced. Ganz klar geht es nach vorne. Marvin Gaye, NWA und Jackson Five. KRS-One und Chuck D. Ruthless, Def Jam, Island oder Motown als Programm. Beatles, Meters und Kraftwerk. Der König heißt Bob Marley. … … …

Endgültig Ende … nach „Wunderschön“ und „Kake is at the Dampf“.

Musik. Zwo drei vier. Produziert im Bewusstsein dieser Welt. Der musikalischen Vergangenheit. Der Originale und dem Bedürfnis nach Qualität. Für uns. Zum tanzen und verstehen. Hier geht was. Ja.