Arca // Mutant

Mit nur einer Woche zwischen dem Erscheinen von Daniel Lopatins “Garden Of Delete” und Arcas “Mutant” fällt es schwer, Letzteres nicht mit Bezug auf Lopatins Moniker Oneohtrix Point Never zu besprechen. Zu ähnlich sind doch die erzeugten Klangwelten. Chaos und Dunkelheit bestimmen die Musik. Die Stücke entwickeln sich aus experimentellen Klängen, die im Ohr mancher Hörer an das Unhörbare grenzen. Aber es gibt Unterschiede, und sie sind wichtig. Im Grunde könnte vieles aus der letztwöchigen OPN-Besprechung hier wiederholt werden, im gleichen Sinne ließe sich unsere Besprechung zu Arcas Debüt-Album “Xen” hier erneut anführen, wobei insbesondere die Wertung anders ausfiele.

Bevor die Musik besprochen wird, ist es nicht unbedingt relevant, aber doch interessant, sich dem visuellen Bild zu widmen, das Arca transportiert. Visuelle Provokation ist im Pop nicht erst seit Björk und Aphex Twin ein wichtiges Mittel. Bereits Little Richard nutzte das Image des Freaks nicht so sehr als Provokation, sondern als Mittel, Aufmerksamkeit zu generieren und so umzulenken, dass andere Eigenschaften der Person kaschiert werden. Im Falle Arcas sind es die Albumcover und Videos, die provozieren und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wo es beim Vorgänger “Xen” die titelgebende geschlechts-mehrdeutige Persönlichkeit war, die das Album zierte, das Video zu “Thievery” bestimmte und manchen verstörte, so ist es bei “Mutant” erneut eine zunächst visuell wenig ansprechende Entität, die auf dem Cover zu sehen ist und sicherlich die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit erregt. Wie bereits bei “Xen” lassen sich auch hier Musik und Verpackung als Gesamtwerk verstehen.

Dunkelheit und Chaos verstören und verbinden sich zu eingängigen, mitreißenden, mal längeren, aber vornehmlichen kurzen Tracks. Aus Arcas Experimenten ergeben sich immer sofort schlüssige, in den Grenzen des Genres harmonische Stücke. Die einzelnen Teile sind hier meist nicht weit voneinander entfernt. Aufschrecken ist selten. Arcas Chaos hat Ordnung.

Im Vergleich zu Oneothrix Point Never, und das ist die letzte Erwähnung dieses Bezugs, mag Arcas “Mutant” fast konventionell klingen. Dabei ist es in seinen Teilen, in seiner experimentellen Schönheit genauso unüblich. Arca scheint jedoch bestrebt, die Ungewöhnlichkeit der Mittel durchaus in Stücke zu schließen, die nicht nur um ihrer Selbst willen gehört werden sollen, sondern den Hörern auch noch dienen. Arcas Musik scheut nicht vor Genrebezeichnungen wie Post-Dubstep oder Ambient zurück, und erscheint in gewissen Fällen sogar geradezu clubtauglich.

Während es durchaus möglich ist, die Platte als geschlossenes Werk zu sehen, ist es eben vielfach auch nicht ausgeschlossen, die Stücke einzeln zu erfassen. Sie verlieren wenig, wenn ihre Faszination aus dem Rahmen des Albums herausgenommen wird. Allerdings erscheint insbesondere die zweite Hälfte von “Mutant” streckenweise wie verschiedene Sätze einer längeren Komposition.

Arcas “Mutant” ist eine beeindruckende Platte, auf der Chaos in Schönheit geformt wird. Lärm und Rauschen verknüpfen sich mit herkömmlicheren Rhythmen und Harmonien zu in ihrer Einfachheit und Strukturiertheit faszinierenden Stücken.