Nicolas Godin // Contrepoint

Es wäre nett, Nicolas Godins erstes Solo-Album verreißen zu können. Andererseits wäre es auch schön, es als Meisterwerk zu feiern. Allerdings ist beides nicht möglich; oder vielleicht ist beides nötig.

Nicolas Godin ist eine Hälfte von Air, die heutzutage möglicherweise fast vergessen sein mögen. Mit “Contrepoint” legt er nun sein erstes Solo-Album vor, das aus seiner Beschäftigung mit Johann Sebastian Bachs Musik heraus entstand. Die Arbeit, die schlussendlich in den vorliegenden acht Stücken endete, war nach Godins eigener Aussage zunächst nur der Versuch, besser Klavierspielen zu lernen und den Menschen in seinem Umfeld das Wunder der Bach’schen Musik näherzubringen.

Liest man Godins Aussagen zum Album, lässt sich der Eindruck gewinnen, jeder Musiker erreiche in seiner Karriere einen Punkt, an dem er sich obzessiv mit JS Bach auseinandersetzen müsse. Allerdings hat Godin bereits das nächste Konzept-Album oder Projekt in Arbeit, das sich, für einen ehemaligen Architekturstudenten vielleicht wenig überraschend, mit Architektur beschäftigt. Godin selbst sagt: “Ich will Musik kreieren, die sich um große Dinge dreht, mein Wissen nutzen, um alle intellektuellen Themen zu erkunden, mit denen die Menschheit konfrontiert ist.”

Sollte nun jemand denken, ein Problem des Albums sei ein verkopftes Konzept, so läge sie richtig. Allerdings ist dies nicht der einzige Kritikpunkt, doch ist es vielleicht die Wurzel allen Übels, das “Contrepoint” heimsucht. Die acht Stücke des Albums sind in gewissem Sinne Rekompositionen oder Transformationen. Ausgehend von Teilen aus Bach-Kompositionen fügt Godin Teile hinzu, variiert und erschafft Neues. Dabei immer an seiner Seite Vincent Taurelle, und beide werden weiter unterstützt von diversen Sängern und Sängerinnen.

Selbst ohne das Vorwissen, dass hier alles irgendwo im Kern auf Bach basiert, drängt sich das Gefühl auf, laufend Motive, aber auch Arrangements zu hören, die man bereits kenne. Das mag natürlich nicht zuletzt daran liegen, dass auch andere Musiker und Komponisten in ihren Werken bewusst oder unbewusst von Bach beeinflusst wurden.

Im Endeffekt kann das Verkopfte, alles auf Bach zu beziehen, den Konsumenten dieses Albums reichlich egal sein. Im Kern präsentiert Godin hier eine lose Sammlung der verschiedensten Stilrichtungen, die von Chanson über Filmmusik zu abstrakt Experimentellem reichen. Pop findet sich neben Avantgarde-Kunstmusik, um dann von Schlagern aus südlicheren Gefilden und Smooth-Jazz oder Muzak abgelöst zu werden. All dies folgt oberflächlich gesehen ohne Zusammenhang, ohne innere Logik, ohne Spannung aufeinander. Zudem erscheinen die Arrangements kalt und technisch, und die Umsetzung der verschiedenen Stilrichtungen basiert augenscheinlich vielfach rein auf dahin geklatschten musikalischen Klischees.

Das ist die negative Sichtweise, und es ist der Blick, der mehr Worte braucht und mehr Material bietet. Nichtsdestotrotz gibt es bei “Contrepoint” auch das entgegengesetzte Empfinden. Godin schafft hier eine faszinierende Platte, die vertraute Motive und Stilmittel einsetzt, die gerade in dieser Vertrautheit die Möglichkeit bietet, sich fallen zu lassen. Das dauernde Variieren zwischen Kunstlied (“Widerstehe Doch Der Sünde”) und Prog-Rock-Klassikadaption (“Orca”), zwischen Jazz, Bossa, Dreampop und Perkussions-Experiment, überrascht und fesselt in jedem Moment. Das Avantgardistische erlaubt gespanntes Erkunden, während das Poppige einlädt, einfach still zu genießen.

“Contrepoint” räubert sich auf faszinierende Weise durch die Musikstile und erweckt ein Feuerwerk der Assoziationen. Die Selbstverständlichkeit begeistert, mit der Godin die Stile scheinbar unzusammenhängend nebeneinandersetzt und im Ganzen eben doch ein stimmiges und mitreißendes Album schafft.

So lässt sich Nicolas Godins Solo-Debüt als großartige Reise durch die Kreation eines wahren Meisters der Musik feiern, und dabei kann der Ursprung in Bachs Werken sogar ignoriert werden. Andererseits aber lässt sich “Contrepoint” auch frustriert in jene Ecke werfen, in der sich all die anderen unhörbaren, langweiligen, verkopften Kunstprodukte der Pop-Musik finden, die man einmal hört und die danach nur Staub ansammeln.