Waxahatchee // Ivy Tripp

Wir tragen Preppy, schauen “Reality Bites” und hören 90er-Jahre-Indierock. Falls die Bezüge nicht klar sind, helfen Hennes&Zara, You-Flix und Spoti-Tube auf die Sprünge. Was das mit Katie Crutchfields Waxahatchee-Album “Ivy Tripp” zu tun hat? Déjà-vus, die sich als Erinnerungen an “Stay”, “My Sharona”, “I’m Nuthin’” oder “What’s Up” herausstellen. Zugegeben, weder Lisa Loeb noch 4 Non Blondes lassen sich wirklich als 1990er-Jahre-Indierock klassifizieren, doch reflektierten sie diesen in einer allgemein zugänglicheren Weise.

Nachdem das 80er Revival nun auch schon seit 15 Jahren läuft, könnte man sagen, es sei Zeit, dass jetzt der 1990er College- und Indie-Rock und Grunge ihre zweite Chance bekommen. Allerdings wäre es unfair, “Ivy Tripp” in diese Schublade zu stecken, auch wenn es perfekt hineinpasst.

Fairer ist es, Crutchfields zwischen Lo-Fi und Zucker-Pop changierende Stücke als zeitlos zu bezeichnen. Vom dahinschleppenden Singen des Bass, der Gitarre und Crutchfields in den ersten Takten der Platte über die drohende Klanglandschaft des verzweifelt klingenden “Air” bis zum verletzten Piano in “Half Moon” durchdringt Emotion die Stücke. Sie sind perfekt inszenierte, raue und doch eingängige Exemplare eines in sich versunkenen Indierocks, der vermutlich nie aus der Mode kommt, aber eigentlich nie wirklich “in” war. Waxahatchees Songwriting ist geprägt von jenem seltsamen Spagat zwischen Euphorie und Melancholie. Im Leiden findet sich Hoffnung, in der Manie klingt die Erdung an die Realität mit. Ähnlich balanciert Katie Crutchfield auch die Stile ihrer Songs. Das Poppig-Süßliche und die spröde lärmende Low-Fidelity-DIY-Charakteristik sind nicht so sehr nebeneinander gestellt, als dass sie sich durchdringen.

Es ist bei Alben, die Erinnerungen an früher Gehörtes hervorrufen, schwer zu unterscheiden, was Nostalgie und was neue Faszination ist. Jenseits jeder Rückschau ist die Qualität von “Ivy Tripp” aber bestimmt davon, wie Waxahatchee es vermag, disparate Emotionen in ebensolches Songwriting zu verpacken. “Ivy Tripp” gewinnt, weil Crutchfields Gesang, Gitarren, Klavier und generell Instrumentierung in den Bann ziehen, eine innerliche Spannung erzeugen, Emotionen ansprechen.