Ryley Walker // Primrose Green

Die coolen Kids mögen Ryley Walker anscheinend nicht – zumindest wenn der Rezension geglaubt wird, die Pitchfork zu Walkers aktuellem Album “Primrose Green” veröffentlicht hat. Tatsächlich ist Walkers Musik unzeitgemäß, anachronistisch. “Primrose Green” klingt, als sei es um das Jahr 1972 entstanden. Andererseits aber ist im Pop des Jahres 2015 praktisch alles möglich, womit die Platte wiederum eigentlich perfekt und in gewissem Sinne typisch für die Jetztzeit ist.

Ryley Walker orientiert sich hier musikalisch vollkommen an den späten 1960er und frühen 1970er Jahren. Allerdings ist es eben die Zeit und nicht eine bestimmte Musikrichtung, die er hier als Ausgangspunkt für seine Stücke nimmt. “Primrose Green” bietet einerseits souligen Rock wie auch typischen Mainstream-Folk dieser Zeit, zehrt aber ebenso aus psychedelischen Elementen. Nicht zuletzt zeigen sich starke Einflüsse des damaligen Jazz und Jazzrock.

Stilistisch mag “Primrose Green” vor allem alter Wein in neuen Schläuchen sein, wenn auch alter Wein, der perfekt und mit aller Sorgfalt gereift ist. Wo diese oberflächliche Wahrnehmung die technische Faszination der Musik anerkennt, ignoriert sie jedoch die Kreativität des Songwritings, die Intensität der improvisierten Momente und die emotionale Tiefe der souligen und der Folk-Stücke.

Zu dem, was die oberflächliche Beschreibung verpasst, gehören auch der umwerfende Aufbau eines Stücks wie “Sweet Satisfaction”, wo die Energie des Arrangements von Anfang an erkennbar ist, sie aber über weite Strecken gezügelt oder unterdrückt wird und dann am Ende doch die Erlösung kommt und die ganze Anspannung losgelassen wird. Die Intensität von “Primrose Green” verdankt sich aber nicht Ryley Walker allein. Sie entspringt auch seiner Band, deren Mitglieder im Tagesgeschäft in so diversen Genres wie Krautrock, Folk, Jazz oder Drones zuhause sind.

Ryley Walkers Album mag wie ein Anachronismus wirken. Es ist aber vor allem eine faszinierende musikalische Erfahrung, die in ihren vorhersehbaren wie in ihren improvisierten Phasen im Klang versinken lässt. Es ist Musik, die nicht nur emotional fasst, sondern daneben auch noch eine Achtung gebietende künstlerische Qualität besitzt.