Jenny Hval // Apocalypse Girl

“Apocalypse, Girl” ist kein einfaches Album; weder textlich noch musikalisch macht es uns die Norwegerin Jenny Hval leicht. Musikalisch stellt sie Pop und Experimentelles, Spoken Word und Sirenen-Gesang nebeneinander. Ihre Texte wiederum sind nie leicht zu dekodieren, selbst wenn die Bedeutung der Sätze offenkundig zu sein scheint.

Hvals experimenteller Pop erklingt hier zumeist eher ruhig, zurückgenommen. Der elektronisch-organische Pop grenzt nicht selten an Ambient. Subtil entwickeln die Stücke ihre Intensität, deren Ursprung schwer zu erschließen ist. Es fällt dennoch leicht, sich in den Arrangements und Kompositionen zu verlieren. Die Tracks entwickeln in ihrer relativen Kürze einen labyrinthischen Charakter. Allein musikalisch ist “Apocalypse, Girl” bereits ein bemerkenswertes Album.

Aber auch textlich und inhaltlich beeindruckt Hval. Zum einen ist da die Offenheit, mit der sie sich selbst offenbart. Allerdings gehen ihre Texte weit über simple Selbstpräsentation hinaus. Bereits das Vorgänger-Album “Innocence is Kinky” wurde für die Verbindung von Pop und Geschlechter- sowie Identitäts-Theorien gelobt, und dies findet sich auch hier wieder. Es wäre einfach, dies als Feminismus zu beschreiben. In der subjektiven Wahrnehmung jedoch sind Hvals Texte weit mehr als das, beziehungsweise verdeutlichen, dass es dem aktuellen Feminismus um mehr geht als Gleichberechtigung zwischen Cis-Männern und Cis-Frauen – oder im Idealfall gehen sollte. Ihre Texte artikulieren mehr oder weniger verschlüsselt, wie sehr Probleme, Vorurteile, Benachteiligungen, wie sehr Stereotype und mangelndes Nachdenken unsere Gesellschaft bestimmen. Mit einem vermutlich schwer erkämpften Selbstbewusstsein versucht sie, hinter die Stereotype zu schauen, und uns mit ihnen, sowie dem, was sie dahinter fand, zu konfrontieren.

“Apocalypse, Girl” ist vordergründig ein eher unscheinbares Album. Es versucht nicht, mit direkter Intensität zu überzeugen – es ist weder besonders laut noch besonders schnell noch in seiner Disharmonie verstörend. Zudem ist es nicht direkt eingängig oder emotional. Es ist nichts von dem, was generell von einem gesellschaftskritischen, einem protestierenden, einem realitäts-reflektiven oder andererseits einem gefallenden Album erwartet wird. Dennoch aber hinterlässt es einen Eindruck, einen anhaltenden, tiefen Effekt. Fast unauffällig entwickelt sich eine Unruhe, die auch nach Ende der Platte nachwirkt. Die Intensität des Gehörten erschließt sich erst im Nachklang.