Kamasi Washington // The Epic

Kamasi Washingtons erstes Album unter eigenem Namen besteht aus drei Platten. “The Plan”, “The Glorious Tale” und “The Historic Repetition” sind die Titel der drei CDs von “The Epic”. Wir sagten es schon auf Twitter, aber es lohnt sich zu wiederholen: dieses Album macht seinem Titel alle Ehre, es ist wahrhaft episch. Das wiederum beruht nicht nur und nicht einmal vordergründig darauf, dass wir hier neben einem Dezett noch ein 32-köpfiges Orchester und einen 20-köpfigen Chor hören, sondern vor allem beruht es auf der Qualität der siebzehn Kompositionen, die hier unter Washingtons Namen präsentiert werden.

Es ließe sich viel über Kamasi Washingtons Hintergrund schreiben, aber das würde den Rahmen sprengen und ist anderswo schon besser geschehen. Es reicht anzumerken, dass der Mittdreißiger in Los Angeles geboren ist, und unter anderem auch auf Kendrick Lamars diesjährigem Album auftauchte. Viele Worte ließen sich verlieren, um Washington und “The Epic” in der Jazz-Geschichte einzuordnen, aber zum einen ist das in diesem Zusammenhang fehl am Platz und zum anderen gibt es dafür Qualifiziertere on- und offline. Ebenso lang ließe sich darüber wundern, dass “The Epic” auf Flying Lotus’ Label Brainfeeder erscheint. Allerdings reicht es vermutlich aus, es als weiteres Zeichen – neben seinem letzten Album – dafür zu sehen, dass dem Großneffen von Alice Coltrane, Steven Ellison aka FlyLo, die Welt der verschrobenen Electronica und des HipHop ziemlich schnell zu eng wird und ihn die familiären Fußstapfen immer mehr anziehen.

Als letzter Teil der Vorrede, die schon die Essenz des Albums erfasst, sei angemerkt, dass “The Epic” durchaus auch eine politische Komponente hat. Spätestens ein Stück wie “Malcolm’s Theme” macht deutlich, dass Washingtons Musik Ausdruck und Reflektion des noch immer vorhandenen sozialen Ungleichgewichts in dieser Welt ist. Diese Musik kann natürlich gehört werden, ohne die weiter existente Ungleichbehandlung von unter anderem “Persons of Color” mitzudenken, aber die sozialen Spannungen in unter anderem den USA sind durchaus eine wichtige Komponente ihrer Entstehung.

“The Epic” wurzelt tief im Jazz, es ist ein Album für Fans von Ayler, Sanders, Coleman, Coltrane, Sun Ra, Davis. Es ist aber darüber hinaus eine faszinierende Klangreise, die ohne Kenntnisse der Jazz-Geschichte zu genießen ist. So sehr das Album, die drei CDs, die einzelnen Stücke als technisch perfekt eingespielt und inszeniert bewundert werden können, so geht “The Epic” eben doch weit über “seit 50 Jahren ausgespieltes Jazzgeschwurbel” hinaus. Selbst im freiesten Jazz atmet die Platte Soul oder verströmt sie eine wohltuende Funkyness oder malt sie Klanglandschaften für die Breitleinwand.

Während zu Beginn der Jazz und insbesondere Washingtons Saxophon im Mittelpunkt stehen, signalisiert “The Rhythm Changes” am Ende der ersten CD einen Bruch. Sanft und seelenvoll und mit einem wohlabgewogenen Maß an Kitsch leitet die Nummer hinüber in die zweite CD. Diese swingt einerseits energischer und strukturierter, nimmt sich aber zudem die Zeit für zutiefst sanfte und ruhige und zurückgenommene Momente. Der dritte Teil des Albums heißt nicht umsonst “The Historic Repetition”. Zum einen deuten Titel wie “Cherokee” und “Malcolm’s Theme” auf die US-amerikanische Vergangenheit, zum anderen zeigen die Tracks hier klare Bezüge zu vergangenen Musikern. Mag in “Re Run Home” noch unklar bleiben, woran es erinnert, so trägt “Clair De Lune” den Bezug zu Debussy nicht nur im Titel, sondern auch in seinen Takten. “The Message” schlägt abschließend den Bogen zurück zum eröffnenden “Change Of The Guard”.

Die Vielseitigkeit von “The Epic” ermöglicht, immer wieder Neues zu entdecken. Sie erlaubt, dass einmal die Großleinwand-Inszenierungen in all ihrer sanften Käsigkeit am meisten begeistern, während das nächste Mal die freien Jazzmomente den Atem rauben.

Die Freiheit von “The Epic” ist es, die aus einer eh schon großartigen, begeisternden und faszinierenden Platte ein echtes Meisterwerk macht. Mit welcher Selbstverständlichkeit Washington und Mitstreiter ihre technische Versiertheit nutzen, um zwischen offenkundig verwandten Stilen zu wechseln, beziehungsweise diese zu verschmelzen, macht aus einer fantastischen Platte ein Album, das zu bleiben verspricht. Washington und Co. erzeugen einen vollkommen natürlichen Fluss durch die originäre Welt der schwarzen Musik. Sie füllen spielend drei Stunden, ohne sich zu wiederholen und schaffen es, durchgängig zu fesseln.