Grimes // Art Angels

Das Zeit-Magazin nannte vor wenigen Wochen Claire Elise Boucher als die neue Madonna. Unter der Annahme, sie meinte Frau Ciccone und nicht die Gottesmutter-Darstellung, erschien das zu dem Zeitpunkt wenig plausibel. “Visions” war eine tolle Platte, und Grimes ist in den vergangenen drei Jahren nur bekannter geworden, aber eine Tour als Support für Lana Del Rey und Lob aus allen eingängigen Magazinen machen aus einer Künstlerin noch keine Madonna. Aber vielleicht hatte Christoph Dallach das neue Album schon gehört – wobei, selbst dann muss gefragt werden, wie viele Künstlerinnen wurden schon als nächste Madonna bezeichnet? Beyoncé, Rihanna, Lady Gaga, sonst noch Kandidatinnen?

Wie dem auch sei, das Interview im Zeit-Magazin macht zumindest klar: Wir müssen zwischen Frau Boucher und Grimes unterscheiden. Grimes ist eine Kunstfigur. Sie ist die Rolle, in die die Künstlerin schlüpft, wenn sie die Musik präsentiert. Diese Musik wiederum, wie sie sich auf ihrem neuen Album “Art Angels” findet, ist wahrscheinlich die wildeste musikalische Vermischung der letzten Jahre. Vielleicht sollte besser geschrieben werden, pop-musikalische Vermischung. “Art Angels” ist Pop. Pop in der Art und Weise, wie Taylor Swift Pop ist, wie Carly Rae Jepsen, wie Justin Bieber, Meghan Trainor, Felix Jaehn, Robin Schulz, Ed Sheeran, Omi, Lost Frequencies, Kygo, Selena Gomez, und die Liste ließe sich ewig weiter führen. Und doch ist “Art Angels” anders. Wenige dieser Künstler würden in ihre Hit-Kandidaten Elemente alter, also mittelalterlicher bis barocker, Musik einbinden, würden sich so offenkundig vom K-Pop inspirieren lassen, würden Arrangements so roh klingen lassen, wie es Grimes hier tut. Pop muss hier nicht sauber klingen. Grimes verbindet die Pop-Melodien, die Pop-Songs mit Beats, die zwar auch in dem Sinne clubtauglich sind, dass sie für die Großraum-Disko passen, aber eben auch im kleinen Untergrundschuppen funktionieren. “Art Angels” verkehrt die Rolle von Beat und Pop im Remix-Hit.

Schon “Visions” verströmte an allen Ecken und Enden Pop. Die Bezüge damals reichten von Zola Jesus bis La Roux, und das Album ging über das Spektrum von Bubblegum bis modernem Darkwave hinaus. Das Dunkle, mit dem “Halfaxa” 2010 noch zentral verbunden war, das eben auf “Visions” schon zurückstand, fehlt glücklicherweise auch auf “Art Angels” nicht, tritt aber weiter in den Hintergrund.

Ein Teil von Claire Elise Bouchers Erfolgsrezept ist wahrscheinlich, dass sie, wie sie bereits 2012 dem Guardian sagte, eines Tages verstand, wie man Musik konstruiert. Sie versteht Pop. Und sie hat einen eigenen Kopf, ein eigenes Bild von dem, was sie mag, was sie konstruieren möchte. Das Gute an dem Pop auf “Art Angels” ist zudem, dass er ernstgemeint ist. Die Nutzung der Pop-Elemente dient nicht einer arrogant sarkastischen Auseinandersetzung, sondern entspringt einem echten Gefallen daran. Ein weiterer Grund für den Erfolg ist vermutlich, dass selbst der verbohrteste Indie-Apologet – um härtere Worte und Klischees zu vermeiden – im Kern eben doch Pop mag und der richtigen Mischung aus Rhythmik, Harmonie und Melodie nicht widerstehen kann. Nicht zuletzt aber hat sie auch den richtigen Stallgeruch für die coole Indie-Fraktion wie auch für die Musik-Otakus, indem Claire Boucher einen Punk- und DIY-Selbstmacher-Hintergrund mitbringt. Und zugegeben, “Venus Fly”, die Kooperation mit Janelle Monáe, klingt, als hätte Diplo Madonna produziert, wobei Diplo auch schon wieder viel konventioneller vorgeht, als es Grimes sich hier traut.

Klischeehaft formuliert, ist “Art Angels” das Pop-Album für die Pop-Hasser. Weniger platt ausgedrückt, gibt Grimes erneut überzuckertem Pop eine nahrhaftere Form. “Art Angels” macht einfach Spaß.