Ólafur Arnalds & Alice Sara Ott // The Chopin Project

Ist heute noch nachvollziehbar, an welchem Punkt die neue klassische Musik nicht nur im Geiste eine Verbindung zur Popmusik im weitesten Sinne herstellte, sondern auch die Popmusik-Hörer überzeugte? In gewissem Sinne bestand die Verbindung über den Umweg des Jazz schon seit Jahrzehnten. Aber auch der elektronische Ambient hatte schon länger einen Überlapp mit der Ensemble-Musik. Subjektiv erscheint die Verbindung jedoch deutlich enger und sich immer mehr intensivierend, seit Clint Mansell anfing Soundtracks zu schreiben und seit Max Richters “Memoryhouse”-Album. Insbesondere einerseits elektronische Musiker und andererseits Post- und Prog-Rock-Musiker haben sich in den letzten zehn Jahren immer mehr auch zu klassischen Arrangements hingezogen gefühlt. Eine durchaus bedeutende Rolle kommt vermutlich dem Label “Erased Tapes” zu. Auf diesem erschien 2007 auch Ólafur Arnalds‘ Debüt-Album “Eulogy for Evolution”.

Arnalds präsentiert nun zusammen mit der Pianistin Alice Sara Ott einen Versuch, die Musik Frédéric Chopins aus dem Zwang der Perfektion und des Allzuoft-Gehörten zu befreien. Neben Neukompositionen und Variationen Chopin’scher Motive durch Ólafur Arnalds finden sich auf “The Chopin Project” vier Einspielungen von Stücken Chopins durch Alice Sara Ott. Diese entstanden allerdings nicht im klaren Klang des Konzertsaals und unter Verwendung des perfekten Flügels, sondern sie versuchen bewusst, die Persönlichkeiten von in Reykjavik zu findenden Pianos zu nutzen, um einen neuen Weg zu Chopin zu ebnen.

Auch Chopin selbst pflegte einen eigenen Stil und betonte die Individualität. Der Vortrag eines Stückes ist abhängig vom Vortragenden, vom Instrument, von der Örtlichkeit und vom Publikum.

Beim Hören ist dieser Überbau aber nur bedingt von Interesse und steht dem Genuss des Albums tatsächlich fast im Weg. “The Chopin Project” überzeugt am unbedingtesten in Arnalds Kompositionen, in Stücken, die in ihrer emotionalen Intensität vor allem von den Streicher-Arrangements leben. Zwar mögen diese Stücke gelegentlich in ihrem Charakter anderen, hier auch bereits erwähnten Werken ähneln, doch sie vermögen nichtsdestotrotz zu berühren. Die Einspielungen der Chopin-Stücke leiden ein wenig an ihrer inhärenten Stille und am zudem sehr ruhigen Vortrag. Die Schönheit von Otts Spiel und ihr Geschick, die Intensität der Stücke zu betonen, erschließen sich erst bei äußerst aufmerksamem Hören.

Tatsächlich mag also “The Chopin Project” mehr eine Platte für die Klassikgemeinde sein, eine Neubetrachtung des Komponisten und eine Neueinführung der beteiligten Künstler, als dass es eine Platte für die Fans Arnalds oder seiner Geschwister im Geiste bei Erased Tapes und drumherum ist. Es ist kein Album, das aufs erste Hören begeistert, sondern es bedarf seiner Zeit und sowohl innerer wie auch äußerer Ruhe.