Kate Tempest – Everybody Down

Grime als Genre leidet darunter, dass es auf Dauer schnell ermüdend werden kann. Zu viel Energie in den Raps und den Beats stresst und fordert zuviel Einsatz des Hörers. Auch Kate Tempests erstes Album als Rap-Künstlerin fordert einen. Nach einem Album mit Sound of Rum und einer Spoken-Word-CD präsentiert sie sich auf “Everybody Down” als meisterhafte Geschichtenerzählerin. Unterstützt von den Produktionen von Dan Carey, dessen Referenzen unter anderem Franz Ferdinand, La Roux und CSS heißen, bekommen Tempests Raps eine außergewöhnliche Intensität, die subjektiv kein Stück langweilig werden und somit durchaus dem Genretrend entgegenstehen.

Es ist nicht ganz klar, ob Kate Tempest zunächst Rapperin oder Autorin war. Inzwischen ist sie preisgekrönte Lyrikerin, Dramatikerin und Spoken-Word-Künstlerin. Ihr erster Roman soll im Frühjahr 2015 erscheinen. Nimmt man die Geschichten ihres Debüt-Albums als Maßstab und berücksichtigt, dass die Tracks der Platte und die Kapitel des Romans zusammenspielen sollen, kann man sich nur auf den Roman freuen. Sibylle Berg paraphrasierend erzählt Tempest Geschichten von ein paar Leuten, die das Glück suchen. Die Erzählungen ließen sich irgendwo zwischen Irvine Welsh und Ian Rankin mit einem Hauch Nick Hornby oder Douglas Coupland ansiedeln und sind damit schon sehr eigen – ob der schon bemühte Dickens-Vergleich dem Test der Zeit standhält, sei dahingestellt.

Die Qualität von “Everybody Down” und der einzelnen Tracks resultiert aus der durchgehend grandiosen Synthese aus interessantem und schlüssigem Geschichtenerzählen, mitreißenden und kongenialen elektronischen Beats und Tempests stilsicheren Raps. Alles zusammen besitzt nicht nur den nötigen Unterhaltungsfaktor, um beim ersten Hören zu überzeugen, sondern auch die Tiefe, um immer wieder aufs Neue beeindruckende Nuancen in jedem der Elemente Beats, Rap und Geschichte finden zu lassen wie zudem in ihrem Zusammenspiel. Tempests Rapstil erzählt nicht einfach die Ereignisse ihrer Texte nach, sondern erweckt die Charaktere und ihre Gefühle und Erlebnisse zum Leben. Dan Careys Beats und Bässe folgen dabei nicht einfach den Erzählsträngen, sondern betonen die Emotionen und Spannungsbögen, die unter dem oberflächlichen Geschehen liegen.

Es ist durchaus möglich, dass weder die traditionelle HipHop-Szene noch die Grime-Fans etwas mit Kate Tempests Spoken-Word-Rapstil anfangen können oder dass ihre Geschichten zuviel Aufmerksamkeit erfordern. Das ändert nichts daran, dass “Everybody Down” eine beeindruckende, gleichzeitig unterhaltende und anspruchsvolle Platte ist. Bei allem vom Hörer geforderten Einsatz wird dieser nicht enttäuscht, sondern begeisternd entlohnt.