Miss Platnum – Glück und Benzin

Lieber Kunst als “Hits, Hits, Hits” und keine Musik für kleine Mädchen und Jungs möchte Miss Platnum machen. Diese ehrliche und glaubhafte Ansage täuscht nicht darüber hinweg, dass ihr erstes deutschsprachiges Solo-Album “Glück und Benzin” eine extrem hit-lastige, charttaugliche Platte ist. Zumindest gilt das im Prinzip. In der Realität erstaunt es, dass offenbar keiner der beiden Vorabtracks “99 Probleme” und “Letzter Tanz” einen Eindruck im deutschen Chart-Geschehen hinterlassen hat.

Betrachtet man die deutsche Musik des letzten Jahres, gab es einen guten Anteil an R’n’B-lastigen, Chillwave-angehauchten Stücken, und es konnte sich der (falsche) Eindruck einstellen, The Krauts als Produzenten wären eigentlich überall beteiligt. Dabei zeichneten sie nur für Yashas und Marterias letzte Alben verantwortlich – und jetzt (erneut) für eine Miss-Platnum-Platte.

“Glück und Benzin” ist ein Pop-Album, ein sehr gutes noch dazu. Sicherlich gibt es Momente, die nicht wirklich überzeugen: die Gitarren sind manchmal zu käsig (im Sinne von Santanas “Supernatural” oder Kevin Rudolf), der Anfang von “Letzter Tanz” ist erstaunlich schwach im Vergleich zum späteren Verlauf des Songs, das Marsimoto-Feature ist ebenso überflüssig wie die Vocoder-Einsätze an anderen Stellen, und der Titeltrack ist tatsächlich nicht vielmehr als ein Aufguss des letztjährigen Yasha-Erfolgsrezepts. Am Ende stört davon aber nichts. Tatsächlich überwiegen die grandiosen Momente. Miss Platnum bestätigt erneut ihre Gesangsqualitäten, die Soul-, Funk-, R’n’B-Stärken ihrer Stimme. Die Produktion ist über jeden Zweifel erhaben, und Miss Platnum aka Ruth Maria Renner füllt jede gewünschte Stimmung.

Als Pop-orientiertes Album ist die Platte von Liebes-Liedern und Seelenschmerz-Songs geprägt. Im gleichen Maße setzt sich das Phänomen des letzten Jahres fort, realitätsbezogene Eskapismus-Hymnen zu präsentieren. Auch wenn viele Klischees vorkommen, sind diese doch so verpackt, dass sie nicht platt wirken. Zudem ist der Punkt eines Klischees eben, dass es einen Teil Wirklichkeit verpackt. So findet sich der Hörer vielleicht unfreiwillig, aber unvermeidlich wieder. Wo “99 Probleme” eher persönlich auf die Sängerin selbst zugeschnitten ist, versucht der Rest des Albums, die Emotionen der Hörerin und des Hörers auf eine gefällige und vielleicht auch oberflächliche, aber sehr effektive Art zu fassen.

“Glück und Benzin” ist kein Kunstpop. Es ist einfach nur alltagstauglicher Pop. Als solcher verdient das Album aber jede Aufmerksamkeit. Es ist einfach eine gute, nein, eine sehr gute Platte.