The Notwist – Close To The Glass

Es erscheint fast unlogisch, überrascht zu sein, dass es The Notwist auch mit ihrem nunmehr siebten (oder mit “Sturm” achten) Studioalbum schaffen, den Hörer zu überraschen. Aber was haben sich die Achers, Gretschmanns und ihre weiteren Mitstreiter bei “Close To The Glass” gedacht? Es ist ein Album wie eine Melt!-Compilation. Es ist eine Platte, die erscheint, als sei sie ein Best Of von 25 Jahren The Notwist. Neben Gretschmann’schen Elektrowerken finden sich Stücke, die junge Geschwister von “Pick Up The Phone” sein könnten, sowie der melancholische “Krautrock für das 21. Jahrhundert” von “The Devil, You + Me”, aber sogar auch Songs, die auf “12” nicht vollkommen fehl am Platz wirken würden. Anders formuliert stehen hier The Shins neben Mouse on Mars neben Radiohead neben Sonic Youth und am Ende sind es eben doch The Notwist.

Wo “The Devil, You + Me” sich anfühlte, als liege man bei Windstille im Nebel vor Spitzbergen, kann “Close To The Glass” alles repräsentieren zwischen stürmischer Atlantiküberfahrt, gebremster Selbstauflösung im Beat und kaum durchdringbarer Dunkelheit. Schon die beiden vorab im Netz verbreiteten Tracks verdeutlichen die Vielfalt dieses collagierten Albums. Einerseits ist da der Titeltrack, dessen erster Ton direkt nach Aufmerksamkeit heischt und kaum zu ignorieren ist. Perkussive Polyrhythmik betont die tanzbare Facette der Ur-Indietroniker. Andererseits ist da “Kong”, das Reaktionen wie “endlich wieder verstärkte Gitarren” hervorrufen kann.

So zeigt “Close To The Glass” The Notwist einmal mehr als eine der Bands, die am geschicktesten, mit der größten Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit Rhythmus- sowie Synthesizer-orientierte Mittel mit klassischem Independent und Alternative verbinden. Wie auch schon in der Vergangenheit entstehen so kleine Hymnen oder kurz gesagt Hits. Mehr noch als früher aber stehen die verschiedenen Mittel hier scheinbar unabhängig nebeneinander, um aber im Gesamtbild eines Songs oder auch der ganzen Platte eben doch nicht gegeneinander, sondern miteinander zu wirken. Vielleicht ist es Markus Achers Gesang, der die scheinbar disparaten Mittel zusammenwebt. Vielleicht ist es aber auch einfach das grandiose Verständnis aller Beteiligten, wie ein Song funktioniert, egal welche Mittel verwendet werden. So werden klassisches Songwriting und synthetische Klangerzeugung, dort Beats und Flächen und hier große Melodien zu potentiell sofortigen Klassikern. Selbst wenn die Band sich dabei der Verzerrung der Gitarre hingibt oder den Beat zum lockeren Galopp auffordert, bleibt immer eine leichte Gemütsschwere und Kälte erhalten.

Der erste Eindruck des Albums ist bestimmt von dem disparaten Nebeneinander der Stücke. Wo jedes einzeln überzeugen mag, fehlt doch der Gesamtzusammenhang. Schnell jedoch entwickelt sich eine Hörstimmung, in der die scheinbare Heterogenität einem kontinuierlichen Gefallen Platz macht, das bald zur Begeisterung wird. So sehr “Close To The Glass” überrascht, so typisch ist im Kern nicht nur diese Überraschung, sondern die ganze Platte für The Notwist. Auch mit ihrem achten (oder doch siebten) Studioalbum beweist die Band ihre Ausnahmestellung.