Copenhagen Phil, André de Ridder – Bryce Dessner “St. Carolyn by the Sea” | Jonny Greenwood Suite from “There will be Blood“

Schriebe man einen Text über die jüngsten Verbindungen von E(nsemble)-Musik und U(nterhaltender) Musik, würden vermutlich das Label Erased Tapes und Künstler wie Nils Frahm und Lubomyr Melnyk vorkommen. Je nachdem, wie gut der Schreiber informiert ist, würde auch André De Ridder erwähnt. Wahrscheinlich fielen einem nicht sofort Radioheads Jonny Greenwood und The Nationals Bryce Dessner ein. Da kommt die Veröffentlichung einer Einspielung von Ensemble-Werken Dessners und Greenwoods gerade zur rechten Zeit. Die Copenhagen Phil unter De Ridder präsentieren Greenwoods Suite aus “There Will Be Blood” und drei Orchesterwerke Dessners. Letztere stehen im Zentrum der Platte.

Greenwoods Beschäftigung mit Ensemble-Musik könnte allerdings seit dem Soundtrack zu “There Will Be Blood” bekannt sein. Auch De Ridder mag mit seiner Zusammenarbeit mit Efterklang und seiner Veranstaltungsreihe stargaze in Berlin dem ein oder anderen vertraut sein, wobei diese zwei Erwähnungen all seine anderen grenzüberschreitenden Projekte ignorieren. Bryce Dessner wiederum hat in der Vergangenheit nicht nur mit Sharon van Etten zusammengearbeitet, sondern eben auch mit solchen Größen der Minimal Music wie Steve Reich oder Philip Glass.

Die Suite aus “There Will Be Blood” beschließt diese CD. Tatsächlich lässt sich über manch eines der sechs kurzen Stücke sagen, sie erinnerten doch arg deutlich an eher herkömmliche orchestrale Film-Scores. Manches würde die Hörer der entsprechenden Sendeschienen im Klassik-Radio kaum stören (z.B. “HW/Hope of New Fields”). Andernorts, wie zum Beispiel in “Proven Lands”, dominiert eine perkussive Sperrigkeit. Abrupte Wechsel und ein stakkatohaftes Arrangement fordern. Diese Stücke sind interessant, doch wirken sie zum Teil unmotiviert. Ihr in gewissem Sinne experimenteller Charakter verhindert das Verstehen und den Genuss.

Kernstück der CD sind jedoch drei Ersteinspielungen von Stücken Bryce Dessners. Neben dem titelgebenden “St. Carolyn By The Sea” sind dies “Lachrimae” und “Raphael”. Dessner spielt in letzterem und im Titelstück elektrische Gitarre und wird dabei auch von seinem Bruder Aaron unterstützt.

Allen drei Dessner-Kompositionen gemein ist eine Kleinstückigkeit. Sie erscheinen häufig, als seien verschiedene Fragmente aneinandergesetzt. Schlussendlich aber findet sich zumeist doch ein Gesamtzusammenhang. So sind lange Phasen eher träge und vermögen nicht die Aufmerksamkeit zu fesseln, wobei die Kompositionen in anderen Momenten ungemein faszinieren. Während “Lachrimae” zu Beginn erscheint als spielten sich die Musiker ein oder stimmten ihre Instrumente, spielen im Titelstück die Instrumente zeitweise scheinbar auf eine fast destruktive Art gegeneinander. In “Raphael” wiederum stehen einzelne Töne häufig vordergründig unzusammenhängend nebeneinander. Allerdings finden sie im Laufe eben doch zusammen. Gemeinsam sorgen sie dann für abwechselnd ekstatische Momente und erschöpftes Verklingen. “St. Carolyn By The Sea” beinhaltet wiederum wirklich prächtige Augenblicke, die zusammen mit stilleren Takten fähig sind, ein hypnotisches Glücksgefühl zu erzeugen.

Dies täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Kompositionen manche Längen aufweisen, die ratlos machen mögen. Insbesondere “Lachrimae” kann zwar beeindrucken, verstört aber auch und lässt einen fragend zurück.

Bei aller technischer Perfektion lässt die Platte den Rezensenten seltsam unberührt. Liegt es an den Kompositionen oder an der Einspielung? Wahrscheinlich sind es eher die Kompositionen, die in ihrer Kleinteiligkeit, im klaren Fokus auf das, was in jedem Moment geschieht, den Hörer nicht kontinuierlich binden.