Xiu Xiu – Angel Guts: Red Classroom

Jamie Stewarts Xiu Xiu waren nie bekannt dafür, musikalisch leichte Kost zu produzieren. Im Vergleich zu früheren Werken schienen jedoch die letzten Alben geradezu Pop zu sein. “Angel Guts: Red Classroom” allerdings, das aktuelle Album, dürfte bei manchem Hörer wieder die Regung auslösen, mit der Stewart bereits 2003 im Interview mit Pitchfork konfrontiert wurde: “Ist das ein Witz?”

Jamie Stewart ist mitnichten der erste noch der am längsten tätige Künstler, der sein Publikum damit provoziert, dass er ihm schonungslos die von ihm wahrgenommene Realität in all ihrer Hässlichkeit ins Gesicht schleudert. Allerdings haben er und sein Projekt Xiu Xiu diesen Stil in gewisser Weise perfektioniert. Insofern ist “Angel Guts” tatsächlich einfach ein typisches Xiu-Xiu-Werk, und doch vermag es den Hörer unvorbereitet zu treffen.

Inhaltlich inspiriert vom japanischen Sexploitation-Kino und insbesondere dem Film “Angel Guts: Red Classroom” sowie Stewarts unbedarftem Umzug in einen der weniger sicheren Stadtteile von Los Angeles, zehrt Xiu Xius Avantgarde-’Pop’ hier von einer in gewissem Sinne fast voyeuristischen Betrachtungsweise der weniger schönen Seite der Realität und ihrer künstlerischen Verarbeitung. Getragen wird das Album von Stewarts Gesang, der über weite Strecken einen gehetzten, geängstigten Charakter besitzt. So erhält das Album die klaustrophobisch-paranoide Stimmung eines Horrorfilms.

Im Gespräch mit Diffuser.fm äußert Stewart, dass die musikalischen Einflüsse in der Produktion Künstler wie Einstürzende Neubauten, Nico, Suicide und Kraftwerk gewesen seien. Auch wenn diese Referenzen durch den Filter Xiu Xiu verfremdet wurden, erscheinen sie im Grunde doch wie die grundsätzlich für Xiu Xiu anzuwendenden industriellen, lo-fi Synthpunk-Bezugspunkte.

Drum-Computer und verzerrte Synthesizer bilden eine schwere, dem Verfall preisgegebene Wand, durch die vereinzelte Melodiefetzen und Stewarts Vocals immer wieder hindurchbrechen. Jeder dieser Durchbrüche destabilisiert das Klanggebilde weiter, und der Hörer muss fürchten, darunter begraben zu werden.

Es fällt einfach, Xiu Xiu – und insbesondere das Album “Angel Guts: Red Classroom” – als verkopfte Kunst abzutun. In der Tat ist die Platte ein schwer zugängliches Monstrum, das voll zu erschließen selbst nach intensiver Auseinandersetzung nicht unbedingt gelingt. Immer wieder finden sich Momente, die einfach nur verstören. “Angel Guts: Red Classroom” fasziniert, lässt aber auch ratlos zurück. Es ist kein Album, das man zum Vergnügen hört, aber es ist ein Album, das sich lohnt zu hören.