Judith Holofernes – Ein Leichtes Schwert

Eine Bilanz des Deutsch-Pop heutzutage könnte diagnostizieren, dass neben einer starken Präsenz des HipHop vor allem die Musik erfolgreich zu sein scheint, die einerseits in Richtung (alternative) Festivalbühne schielt und andererseits insbesondere textlich schlageresk daherkommt. Wenn man noch mehr vereinfachen würde, könnte man behaupten, diese Entwicklung ließe sich 12 Jahre zurückverfolgen zum ersten Erfolg von Bands wie Mia. und Wir Sind Helden. Das heißt, Bands und Plattenfirmen hatten danach nichts Besseres zu tun, als das Erfolgsrezept der Helden zu kopieren, scheinbar getrennte Zielgruppen in ihrem Publikum zu vereinen, und dabei aber insofern zu scheitern, als es nicht automatisch aus dem eigenen Talent – wie bei den Helden – kam, sondern gezwungen durch Aneignung von Mitteln der “unabhängigen” Szene und des Schlagers geschah. Das Jahr 2013 bot genügend Belege für solche Thesen. Aber hier soll es nicht um den Stand des deutschen Pop im Jetzt gehen, sondern um das erste offiziell veröffentlichte Solo-Album der ehemaligen Wir-Sind-Helden-Sängerin Judith Holofernes.

Die Berichterstattung über Holofernes‘ “Solo”-Comeback suggeriert eine perfektionistische Künstlerin, wohingegen das Album durchaus den Eindruck erwecken mag, es habe an einer Kontrollinstanz gefehlt, die schwächere Stücke ausgeschlossen hat. Andererseits mag dies auch einfach der Tatsache geschuldet sein, dass Holofernes sich natürlich erlauben konnte, genau das zu machen, was sie wollte. Allein die Tatsache eines Solo-Albums dürfte die Zielgruppe mobilisieren. Auch wenn es sicherlich Erwartungshaltungen gibt, kann es Holofernes vermutlich relativ egal sein, ob sie diese nun erfüllt oder enttäuscht.

Der Erfolg von Wir Sind Helden zehrte nicht zuletzt aus Holofernes‘ Texten, die einerseits ein Lebensgefühl, eine selbst erlebbare Wirklichkeit aufgriffen und diese andererseits mit melancholischer Albernheit auflockerten. Melancholie und Lebensfreude hielten sich auch in der Musik die Waage. Zu Beginn waren es Mittzwanziger, die diese Musik machten, am Ende Mittdreißiger, und so alterten auch die Themen. Holofernes‘ Einfluss auf die Musik der Helden bedenkend, wundert es somit nicht, dass sich dies auch zwei Jahre später so weiterschreiben lässt.

Hinter der immer dominanten Stimme finden sich manche Variationen des Themas Poprock, seien es bluesige Anwandlungen, Countrieskes oder eher Waviges. Am Ende aber ist es doch eben vor allem rockiger Pop. Zwischen verschrobener Quatschigkeit und rein poppiger Luftigkeit eingeordnet ist “Ein leichtes Schwert” mittelständiger Berlin-Kreuzberg-Bohème-Pop, der aus dem persönlichen Erfahrungsschatz, aus der aktuellen Lebenssituation der Autorin zehrt. Gerade darin liegt auch der Wert. Hier verstellt sich niemand, “Ein leichtes Schwert” erscheint ehrlich.

Wie angemerkt, wirkt manches hier schwächer, als man es erwartet hätte, als sei nicht genug ausgesiebt worden. Überzeugen und in Erinnerung bleiben vor allem die zugänglichen Nummern wie das vorab präsentierte “Liebe Teil 2” und das Titelstück. Auch weitere überzeugendere Nummern sind diesen erwähnten stilistisch ähnlich – zum Beispiel “Brennende Brücken” oder in geringerem Maße “Hasenherz”, “Opossum” und “Pechmarie“. Allerdings lässt sich das auch umformulieren: es überzeugen die Stücke, die am ehesten nach vergangenen Wir-sind-Helden-Zeiten klingen – was wiederum vielleicht mehr über den Rezensenten sagt als über das Album.

“Ein Leichtes Schwert” ist ein Album, das man hört, wenn man einfach Holofernes‘ Gesang hören möchte und man Gutfühl-Untermalung braucht. Es ist eine dieser Platten, die am besten als nett bezeichnet werden, weil sie bei allem Gefallen eben doch eher farblos bleiben. So wichtig das Album wahrscheinlich für Judith Holofernes ist, so wenig dürfte es bei den meisten Menschen eine Bedeutung erlangen. Egal wie dem sei, es ist schön, wieder neue Musik von ihr zu hören.