Rhonda – Raw Love

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Rhondas Debüt-Album „Raw Love“ ließe sich nutzen, um über Retro-Soul zu schreiben, darüber, dass die Hype-Welle um Amy Winehouse und Duffy vielleicht noch nicht vorbei sei, oder darüber, dass Retro-(Soul-)Sounds auch bereits vor dem Hype beliebt waren und danach nie vollständig verschwunden wären. Allerdings stellt sich durchaus die Frage, ob die Band Rhonda und ihr Debüt wirklich dem Retro-Soul zuzuordnen seien.

„Raw Love“ ist Retro. Weite Teile des Albums sind definitiv Soul. Dennoch erscheint es falsch, die Trashmonkeys-Nachfolgeband um Sängerin Milo Milone als Retro-Soul zu klassifizieren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein Teil der ernstzunehmend interessanten Stücke des Albums nicht wirklich Soul ist. Zudem erscheint es, als stammte das Interesse der Band am Retro eben weniger aus einer Soul-Affinität als aus einer punk-infizierten Bossa- und Rockabilly-Nähe. „Sound Of Soda“ und „Take It Back“ zehren eben weniger aus dem Soul denn aus einem pseudo-klassischen Surf-Bossa-Pop, wie ihn elektrifizierter auch Skeewiff präsentieren. „Bruno“ wiederum mischt die Retro-Soul-Elemente unter ein Rocksteady- bzw. Ska-Grundgerüst.

Wenn die Band sich allerdings an einer klassischen Soul-Ballade versucht, wirkt das tatsächlich eher angestaubt. Ein Beispiel wäre „My Thing“. In diesen Momenten stellt sich die Frage, warum man zu diesem Album greifen sollte, wenn man doch die Originale der 1960er und 1970er Jahre hören könnte.

Alles in allem ist „Raw Love“ ein Album, das nicht stört, das aber eben auch auf volle Länge nicht zu begeistern vermag. Es hat ungefähr den Reiz einer Stunde vernünftig zusammengestellten Radioprogramms. Das Songwriting schwankt zwischen OK und ziemlich gut, der Gesang reicht – leider – von toll bis fast überfordert. Das ist vielleicht mit das größte Manko der Platte. Die Faszination des Soul – und insbesondere seines Retro-Revivals – entspringt zu einem großen Teil der Qualität oder Außergewöhnlichkeit der Gesangsstimmen. Amy Winehouse‘ und insbesondere Duffys Gesang mögen manch einem schnell auf die Nerven gegangen sein, sie waren aber sofort erkennbar und zogen – unter Umständen unfreiwillig – in ihren Bann. Wie aber Casting-Sendungen allerorten beweisen, und wie sich zudem in deutschen Ostseebädern während der Saison wöchentlich nachvollziehen lässt, gibt es einen Unterschied zwischen einem guten Gesangstalent und einer Stimme für Soul in all seiner Tiefe, Breite und Höhe. In manchen Momenten wirkt „Raw Love“, als werde hier versucht, über die eigenen stimmlichen Fähigkeiten hinaus zu gehen.

„Raw Love“ ist alles in allem ein gutes Album, das bei Freunden des Genres nicht zuletzt Vorfreude auf energetische Konzertauftritte wecken dürfte. Ansonsten aber gibt es wenig zu hören, das überrascht, begeistert oder fesselt. Die Platte macht kurzfristig und in kleinen Dosierungen genossen Spaß, vermag aber auf Dauer nicht restlos zu überzeugen.