Alice Sara Ott // Francesco Tristano – Scandale

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Es stellt sich weiterhin die Frage, wieso die Deutsche Grammophon meint, ihre jungen Künstler in einer Weise zu inszenieren, die an die Gewinner einer durchschnittlichen Casting-Sendung erinnert. Allerdings kauft man eine Platte nicht nach dem Cover – oder sollte es zumindest nicht. Dies sollte besonders bei diesem Album “klassischer Musik für das 21te Jahrhundert” gelten, wie die Plattenfirma Alice Sara Otts und Francesco Tristanos “Scandale” auf Twitter bewirbt. Dabei bleibt aber unklar, was diese Platte zeitgenössischer sein lässt als Bryce Dessners und Richard Reed Parrys Alben beim gleichen Label.

Natürlich gibt es durchaus Unterschiede. Ott und Tristano sind einerseits weniger der Neuen Musik und mehr einer Neoklassik verbunden, und andererseits stellt Tristano Verbindungen auf zwischen Klassik und elektronischer Musik und nicht, wie Parry und Dessner, zwischen Ensemblemusik und Rock.

Auf “Scandale” präsentieren Ott und Tristano Kompositionen von Igor Stravinsky, Nicolai Rimsky-Korsakov, Maurice Ravel und Tristano selbst. Glaubt man der Albumwebseite, war die typische Tristano-Nummer “A Soft Shell Groove” eigentlich als Albumabschluss gedacht, eröffnet in der finalen Version jedoch. Variiert man die Tracklist entsprechend, ergeben sich durchaus unterschiedliche Eindrücke. Schließt “A Soft Shell Groove” ab, hört man Rimsky-Korsakov eingerahmt von den durch ihn und seine St. Petersburger Kollegen inspirierten Nachfolgern, und die Tristano-Komposition mag eher wie ein Nachgedanke wirken. Eröffnet die neuzeitliche Komposition jedoch, hört man das Nachfolgende mit dem Bestreben, die Eigenheiten in diesem Stück – das Tristanoeske – auch in seinen historischen Vorgängern zu erkennen. “A Soft Shell Groove” macht so neugierig, die Klassiker zu erkunden.

Nichtsdestotrotz erscheint die Kombination von Stücken der drei klar in einer Reihe stehenden Komponisten Nicolai Rimsky-Korsakov, Igor Stravinsky und Maurice Ravel mit einem Werk Tristanos schlussendlich rätselhaft. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass man Tristanos Komposition fasziniert folgt und alles Weitere so an sich vorbeiziehen lässt.

Ott und Tristano und ihre zwei Pianos vermögen der typischen Tristano-Nummer “A Soft Shell Groove” eine ganz besondere Tiefe zu geben. Die grundsätzliche Qualität dieser Einspielung liegt aber sicherlich bereits in der Komposition selbst begründet. Tristanos Verbindung der Harmonien des House mit klassischen Melodien und Motiven war, ist und bleibt einzigartig und begeistert immer wieder. Seine Verwendung des Klangkörpers des Flügels als Rhythmus-Element verstärkt dies – auch wenn sein Markenzeichen inzwischen fast zum Klischee geworden ist. “A Soft Shell Groove” beweist einmal mehr, wie geeignet das Piano zur Schaffung von Rhythmus-bestimmter Tanzmusik (aka Techno) ist.

Die Suche nach dieser Eigenschaft in den älteren Werken kann das weitere Hören von “Scandale” bestimmen. Stravinskys “Le Sacre du Printemps” gehört zu den meisteingespielten klassischen Werken. Teil eins “L’Adoration de la Terre” mag in seiner häufig aggressiven und sprunghaften Charakteristik durchaus anstrengen, insbesondere wenn es scheint, als versuchten die Musiker, die starke rhythmische Akzentuierung und den repetitiven Charakter der Motive ausdrücklich hervorzuheben. Wenn “Le Sacre” also auch aus einer vollkommen anderen Zeit stammt, wenn es damit also nicht nur musikhistorisch weniger kennt als wir heute, sondern insbesondere auch von einer anderen Welt beeinflusst und inspiriert ist, so erlaubt es den Pianisten eben doch in ähnlicher Weise wie Tristanos “A Soft Shell Groove”, das Piano nicht nur als melodiöses sondern insbesondere auch als rhythmisches und zusätzlich als lärmendes Instrument zu nutzen, ohne aber im Kern die Harmonie des Klangs zu verneinen, die vor allem in Teil 2 “Le Sacrifice” zu ihrem Recht kommt.

Ott und Tristano präsentieren auch von Rimsky-Korsakov eines seiner bekanntesten Stücke, “The Story Of The Calender Prince” aus der “Scheherazade”. Vordergründig fällt es hier schwer, eine Verbindung zur Eröffnung der Platte zu finden, die darüber hinaus geht, festzustellen, Tristano scheine von Rimsky-Korsakovs Melodieführung inspiriert. Tatsächlich aber verdeutlichen Ott und Tristano, wie auch hier in einzelnen Momenten Klarheit des Anschlags, Laut- und Leise-Variation sowie der Klangkörper des Pianos genutzt werden, um Rhythmik zu erschaffen, einen Rhythmus, der genauso in seiner eigenen Zeit wurzelt wie andererseits der klassische Techno- und Rock-4/4-Takt und seine Variationen im Heute.

Es mag an Überinterpretation grenzen, die Stücke alle in Beziehung zur Faszination des Klaviers als multiplem Klangkörper zu setzen. Aber auch Francesco Tristano sagt über die hier vorliegende Einspielung von Ravels “La Valse”, “wir repräsentieren das Stück eher techno-orientiert als aus der Perspektive des Wiener Walzers”, eine Einschätzung, die dem Laien-Hörer unklar bleiben mag. Auch wenn Ott und Tristano sich bemühen, die tiefen Lagen zu betonen und die Rhythmik perkussiv, ja fast aggressiv, hervorzuheben, dominiert letztendlich das Walzerhafte.

“Scandale” lohnt sich nicht nur, aber doch vor allem wegen der begeisternden Einspielung der Tristano-Komposition “A Soft Shell Groove”. Alice Sara Ott und Francesco Tristano geben zwar den vielgehörten Klassikern der jüngeren klassischen Musik einen eigenen und durchaus neuen Charakter, diese Einspielungen fließen aber schlussendlich an einem vorbei und verlangen wenig Aufmerksamkeit. “Scandale” bietet dem interessierten Hörer klassischer Musik wenig Neues, passt perfekt in jedes Segment des Klassikradios und kann durchaus neue Käuferschichten an die Klassik heranführen. Mehr Mut bei der Auswahl der Stücke hätte gut getan, aber diese Kritik ist Meckern auf hohem Niveau.