Graciela Maria – Olvido

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Es gibt Musik, die in Ihrer Schlichtheit, ihrer Einfachheit doch die Macht besitzt, die Hörer sofort zu packen. Sie werden eingehüllt in einen Kokon aus Klang, und die Musik isoliert sie (die Hörer) von der bedrängenden Flut der audiovisuellen Reize der heutigen Zeit. Nick Drakes Musik wirkt auf diese Weise. Auch Beth Gibbons und Rustin Mans Album “Out Of Season” hat solch einen Effekt.

Graciela Marias zweites Album erzielt eine ähnliche, unter Umständen sogar noch stärkere Wirkung. Während Graciela Maria Nick Drake direkt als Einfluss nennt, erklärt sich der Vergleich mit Beth Gibbons vielleicht vor allem über eine gemeinsame vordergründige Zerbrechlichkeit des Gesangs, in dem aber eine ungemeine Stärke wohnt. Obwohl “Olvido” erneut mit Unterstützung von Sneaky und Robot Koch entstand, treten die elektronischen Elemente hier in den Hintergrund und Graciela Marias Gesang und das Piano bestimmen das Album. Es braucht nicht die Albuminformationen des Labels, um zu erkennen, dass Graciela Maria hier mehr Kontrolle über die Produktion übernommen hat als noch beim Debüt.

Besagtes Wechselspiel zwischen Klavier und Graciela Marias Gesang hinterlässt den tiefsten Eindruck. Schon die Albumeröffnung “Black Lament” erzeugt allein mit diesen beiden Mitteln und der effektiven Nutzung der Pause eine Intensität, wie sie in den letzten Jahren im Pop eher selten war. Die große Wirkung des Gesangs mag nicht zuletzt auch darin begründet sein, dass ein Gutteil der Stücke spanische Lyrics hat und somit die Vocals wegen des geringeren Textverständnisses mehr als Instrument zum Gesamteindruck beitragen denn als Geschichten.

Das Erstaunliche an “Olvido” ist, wie ein generell eher langsamer Takt, wie Melodien und Gesang scheinbar ohne größere Akzente, scheinbar ohne echte Spannungsbögen den Hörer dennoch vollkommen einschließen, ihn quasi aus dieser Welt nehmen. Es ist schwer zu fassen, wieso das Songwriting und die dezente Produktion so effektiv sind. Instrumentierung und Gesang verbinden sich zu einem emotionalen Sog, dem sich schwer widerstehen lässt. Auch wenn die Einfachheit das Grundelement des Albums ist, so ist “After A Thousand Years” mit seinen klareren Akzenten, dem stärkeren Wechselspiel von leise und (etwas) lauter einer der mitreißendsten Momente auf “Olvido”.

Es erscheint fast unglaublich, dass die Intensität des Zusammenspiels aus Stimme und Piano noch gesteigert werden kann, doch in “Dicen” schaffen Matt Halsalls Trompete, Gianpaolo Campleses Schlagzeugspiel und Sneakys Cello genau dies. Auch in “Azul” ist es Sneakys Cellospiel, welches erstaunlicherweise den Song noch einmal intensiver gestaltet. Andererseits kann man sich fragen, ob Synthesizer, Percussion und Klangeffekte in “Flowers For My Silent Death” den Gesamteindruck verbessern oder den stillen Zauber verwässern. Subjektiv gesehen würde das Stück ohne die Effekte wahrscheinlich nicht schlechter sein, aber sie schaden auch nicht. Ähnliches gilt für Robot Kochs Drum-Programmierung im elektronischen “Last Places”. Immer jedoch dominiert Graciela Marias Gesang.

Der stille Zauber von “Olvido” wirkt wie aus der Zeit gefallen. So funktioniert die Platte nicht zuletzt auch als Fluchtmöglichkeit. Stücke wie “Desde La Nada”, “Olvido” oder “Traveler” sind zwar sofort zugänglich, besitzen aber auch die nötige Tiefe, den Hörer zu fordern. Sie geben die Möglichkeit, sie zu erkunden und immer wieder an anderen Stellen emotional berührt zu werden. Am Ende ist “Olvido” eines dieser Alben, über das zu schreiben einfach nur undankbar ist. Es ist kaum möglich, die Magie der Musik in Worte zu fassen. So bleibt nur noch festzuhalten: falls es so etwas wie ein perfektes Album überhaupt gibt, kommt “Olvido” dem schon sehr nahe.