Cécile McLorin Salvant – Womanchild

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Es ist nicht nötig, ein Spezialist für Jazz zu sein, um die Namen Ella Fitzgerald oder Billie Holiday gehört zu haben. In der Tat zählen beide zu den bedeutendsten Sängerinnen des Genres. Die 24-jährige Cécile McLorin Salvant wird von manchem schon als würdige Nachfolgerin dieser und anderer großer Jazz-Vokalistinnen bezeichnet. Man kann nur hoffen, dass solche Vorschusslorbeeren nicht zum bösen Omen werden.

Zunächst einmal beweist McLorin Salvant auf ihrem aktuellen Album “Womanchild”, dass sie wirklich eine außergewöhnliche Stimme, ein beeindruckendes Talent hat. Tatsächlich ist in diesem Zusammenhang der Titel Vokalistin angebrachter, als einfach von einer Jazzsängerin zu schreiben.

Seien es Bluesklassiker, Jazzstandards, Traditionals oder eigene Stücke, McLorin Salvant und ihre Mitmusiker schaffen eigene, unverwechselbare Interpretationen. Das Herausragende des Albums ist hauptsächlich McLorin Salvants Stimme, aber die Platte würde ohne die Mitwirkung von Aaron Diehl, Rodney Whitaker, Herlin Riley und Jame Chirillo an Klavier, Bass, Schlagzeug und Gitarre doch nicht diese organische, selbstverständliche Schönheit besitzen.

Das Booklet beinhaltet eine Einleitung von Ted Gioia, in der er den Bogen schlägt zum ersten Auftauchen des Begriffs “jazz”, der um 1910 all das “Andere und Aufregende” beschrieb. Auf die Musik bezogen umschrieb er “Leben, Kraft, Energie, Überschäumen des Geistes, Freude, Elan, Magnetismus, Begeisterung” oder aber auch “Mut, [sowie] Glück”. So billig es ist, sich auf das Booklet oder 100 Jahre alte Texte zu beziehen, so umfasst diese Liste eben doch die ganze Qualität, die Cécile McLorin Salvants “Womanchild” ausmacht.

Auch wenn hier kein Stück wirklich in der Qualität abfällt, so bleiben doch vor allem drei Stücke am Nachdrücklichsten in Erinnerung. Einerseits ist da das treibende Stahlarbeiter-Traditional “John Henry”. Das maschinelle Schlagzeug im Wechselspiel mit Bass und Piano erzeugt hier einen ungemeinen Sog. Darüber legt sich McLorin Salvants Gesang, der alle Gefühle der Erzählung in seinem Tonfall, in seinen verschiedenen Variationen zu transportieren vermag. Lebensfreude, Energie, Kraft und Mut sowie eine magische Anziehungskraft zeichnen diesen Vortrag aus. Das von McLorin Salvant geschriebene “Womanchild” und das 1930er-Jahre-Showstück “You Bring Out The Savage In Me” bleiben insbesondere wegen McLorin Salvants experimentellem Gesang in Erinnerung. Diese Experimentierfreude wird allerdings ebenso von ihrer Band gespiegelt. Kakophones Trällern, gekünstelte Rezitation, pure, zarte Schönheit und vokales Drängen verbinden sich in “Womanchild” zu einem ungemein intensiven Erlebnis. “Savage” wiederum wird bestimmt durch die Phasen reinen Experiments. Dadurch und aber auch darüber hinaus erreicht das Stück eine fast angsteinflößende Note. Selbst wenn andere Stücke nicht diese Ausdruckskraft und Intensität erreichen, ist dies kein Makel. Vielmehr ergibt sich so eine Balance aus erholsamer Klangschönheit und bedrückenden Klangeskapaden.

Mag Cécile McLorin Salvants Vokalakrobatik in manchem Moment auch eher künstlich denn künstlerisch wirken, so mindert dies nicht die Qualität des Albums. “Womanchild” ist eine bereichernde Entdeckung. Eine auditive Überraschung folgt auf die nächste. Der aufmerksame Hörer wird entlohnt mit beglückender Kreativität, der unaufmerksame erhält einfach eine fantastische Platte einer beeindruckenden Jazzvokalistin.