Burial – Rival-Dealer

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Ohne Burial wäre Dubstep nicht so groß geworden. Ohne Burial hätte es weder Witchhouse noch Chillwave noch die derzeitige Indie-R’n’B-Welle gegeben. Klingt das zu vereinfachend und überhaupt übertrieben? Sicherlich. Dennoch muss man fragen: Was wäre, wenn “Untrue” nicht veröffentlicht worden wäre?

Auch wenn alle Burial-EPs und Einzeltracks der letzten Jahre die Qualität hatten, trotz der Kürze der Veröffentlichungen zu den besten Veröffentlichungen eines Jahres zu gehören, konnte man äußern, seinen Solo-Veröffentlichungen fehle es an Weiterentwicklung. Zudem wirkte manch ein Track, als seien hier einzelne unfertige Nummern aneinandergeklatscht worden. Meister dieses Stilmittels sind jedoch Flying Lotus und Clark. Auch die “Rival Dealer”-EP, die dieser Tage als Weihnachtsgeschenk 2013 veröffentlicht wurde, leidet unter dieser Aneinanderreihung disparater Samples und Motive, an scheinbaren Fehlern in der Produktion. Das stört aber nicht zuletzt deswegen nicht, weil wir hier tatsächlich eine Weiterentwicklung hören, die unter Beibehaltung aller Markenzeichen und klassischer Burial-Qualitäten stattfindet. “Rival Dealer” ist erneut ein kleines Meisterwerk Burials, aber diesmal eins, das herausfordert, sich neu auf diesen musizierenden Shinigami einzulassen.

Die Entwicklung, die sich hier zeigt, ist nicht nur eine musikalische. Es ist erstaunlicherweise auch “Dance”-Musik mit einer Botschaft – zumindest klingt es für diesen Rezensenten so. Wie Terre Thaemlitz K-S.H.E.-Album lässt sich die EP als Plädoyer für Toleranz und wider Homophobie hören. Manch einer wird dies als Coming-Out deuten, aber das ist zu diesem Zeitpunkt eine Überinterpretation. Vielmehr ist die EP, ist insbesondere “Come Down To Us” der Versuch, dem Normalitätszwang in einem faszinierenden Stück Musik klar und deutlich zu widersprechen, ohne den Track bedeutungsschwanger zu überfrachten. Aber diese Botschaft ist für den Genuss der EP nebensächlich. Im Kern ist “Rival Dealer” einmal mehr Ausdruck des kreativen Experimentierdrangs des Künstlers, dessen verstörende Garage-Kunstwerke eben nicht nur Kunst, sondern emotional und rational bewegende Musikstücke sind.

Wie bei Flying Lotus und auch schon in der Vergangenheit bei Burial fällt es schwer, die Stücke (und besonders “Come Down To Us”) als einzelne durchgängige Nummern zu sehen. Vielmehr ist es eine Aneinanderreihung experimenteller Fragmente und Variationen, die aber eben doch ein harmonisches Ganzes ergeben. In “Come Down” und in “Hiders” wird offenkundig, dass Burial offenbar viel 80er-Jahre-Pop (möglicherweise die Bands der New-Romantics-Ära) oder zumindest Epigonen entsprechender Bands gehört hat. Im Grunde schwingt in allen Stücken der EP zu irgendeinem Zeitpunkt auf eine sehr angenehme Art und Weise ein Hauch von Wham! mit. Zwischen klassisch-düster knisterndem Burial-Dub, der klingt wie aus dem Grab kommend, finden sich hier pophymnische Momente. Es mag an der Jahreszeit liegen, aber in gewissem Sinne erscheint “Hiders” fast wie eine Weihnachtsnummer.

In dieser Festlichkeit stehen “Come Down To Us” und “Hiders” im Gegensatz zum Grundcharakter des Titeltracks. Zwar ist auch hier manch poppig anmutendes Vokalsample zu finden, vornehmlich aber greift Burial hier ganz tief in die Jungle-&-Breakbeat-Kiste, bemüht den klassischen Rave. Zwischenzeitlich klingt die Nummer gar fast wie von The Prodigy. Diese rohe Intensität kontrastiert die spätere poppige Sanftheit. Vor allem aber überzeugt sie. Das infantile Breakbeatgewitter ergänzt die düstere Burial-Ästhetik überraschend gut. “Rival Dealer” ist eine auditive Herausforderung. Der Track ist ein Meisterwerk. „Einmal mehr“, muss man im Fall Burials wohl sagen.

Wo man (der Rezensent zumindest) in den letzten Jahren durchaus besorgt ein Auf-der-Stelle-Treten bei Burial zu beobachten meinte – und dennoch begeistert war – lässt sich mit “Rival Dealer” festhalten, dass jede Sorge unberechtigt war und wieder einzig die Vorfreude bleibt, was wir von diesem Ausnahmekünstler noch erwarten können. Das Mantra dieser EP ist “This Is What I Am”, und das gefällt.