Sven Helbig – Pocket Symphonies

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Der Feuilleton beschwört immer wieder den Untergang des Abendlandes. Als ein Anzeichen wurde gerne das Vorgehen der sogenannten Klassik- und Kultur-Radiostationen genannt, klassische Musikstücke nicht in Gänze zu senden, und stattdessen einzelne Sätze und Bewegungen herauszureißen. Der Bedarf an radio-gerechten Happen ist vermutlich auch mit verantwortlich dafür, dass die entsprechenden Sender gerne Nummern aus Film-Soundtracks beziehungsweise Original-Scores senden.

Sven Helbig macht mit seinen „Pocket Symphonies“ aus dieser Not nun eine Tugend, indem er zwölf kurze symphonische Stücke präsentiert. Tatsächlich ist die Einspielung wohl auch ein weiterer Beleg dafür, dass die Unterscheidung zwischen Unterhaltungs- und Ernsthafter (Ensemble)-Musik keinen Wert mehr hat, außer für die Verwertungsgesellschaften.

Wie das Booklet zur Einspielung richtig feststellt, sind Helbigs Taschensinfonien im Kern Songs. Sie sind symphonisch, aber in ihrer Kürze passen sie genau in das Radioformat. Nun ließe sich sagen, der Wert – oder zumindest der Reiz – einer Sinfonie läge in ihrer Länge und ihrer Komplexität, in der Zeit, die man ihr widmen muss. Demnach wären Helbigs Songsinfonien ungefähr so wertvoll wie die Wiedergabe eines Gerhard-Richter-Gemäldes auf einer Briefmarke. Auch wenn eine solche Aussage natürlich Quatsch ist, kann angemerkt werden, dass Helbigs Kompositionen in Phasen durchaus den Charakter von Film-Score-Emotionalität aufweisen und damit vordergründig etwas seicht wirken mögen. Andererseits aber können Scores eben auch sehr komplex sein, wie nicht nur Clint Mansell immer wieder beweist.

Genau in diesem Spannungsfeld aus zuhörerzugewandter Schönheit und kompositorischer Kreativität pendelt die CD. Die ausdrucksstarke, vielseitige und die Emotion anregende Einspielung durch das von Kristjan Järvi geleitete MDR Leipzig Radio Symphony und das Fauré Quartett tut ein Übriges, um dieses Projekt gelingen zu lassen.

Filmmusik-Stücke, aber auch die Sätze größerer Stücke, versuchen im Regelfall eine bestimmte Situation, eine singuläre Stimmung einzufangen. Genau dies schafft auch Helbig hier. Die Perfektion des Ensembles trägt dazu bei, diese Stimmungen genau wiederzugeben und zu verstärken. Seien es Solo-Passagen von Streichern oder Klavier oder Ensemble-Momente, sie vermögen sowohl die zärtlichen, die natur-romantischen wie die industriell geprägten Assoziationen im Hörer zum Schwingen zu bringen.

Man mag darüber lamentieren, dass die Substanz hier in manchem Moment fehlt, dass es eher eine Portion Pommes und keine Vollkornstulle ist. In letzter Konsequenz aber schafft es Helbig, gelingt es dem Ensemble, den Hörer emotional zu berühren, ihm einen Moment der Flucht zu erlauben, sich in dieser Musik zu verlieren. Auch in diesem Sinne sind die „Pocket Symphonies“ vielleicht eher U- denn E-Musik. Vor allem aber ist diese Einspielung ein hervorragendes Album.