Daniel Hope – Spheres

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Wenn ein Musiker seine CD thematisch den „Sphärenklängen“ widmet und darüber redet, was für Geräusche Himmelskörper wohl machen, wenn sie einander passieren, wenn er Musik in Beziehung zu einer „astronomischen Harmonie“ setzt, dann kann man sich schwer erwehren, dies als esoterisches Geschwafel abzutun. Auch wenn die Philosophie hinter den „Sphärenklängen“ substantieller ist, so erscheint die Grundlage von Daniel Hopes „Spheres“ etwas schwammig oder an den Haaren herbei gezogen – selbst wenn das Booklet vermag, die Logik dahinter zu untermauern.

Im Endeffekt ist natürlich das Konzept hinter einem Album erst einmal nebensächlich. Zunächst entscheidet, ob die Musik den Hörer erreicht. Hope wählt für diese CD-Stücke vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Einerseits sind da Johann Paul von Westhoff und Johann Sebastian Bach, andererseits finden sich Stücke von Gabriel Fauré, Arvo Pärt, Philip Glass und Ludovico Einaudi. Aber auch „Jungspunde“ finden sich wie die 1973 geborenen Lera Auerbach und Aleksey Igudesman oder der 1983 geborene Alex Baranowski. Natürlich darf auch Max Richter nicht fehlen, dessen „Vier Jahreszeiten“-Rekomposition Hope mit einspielte. Vier der Stücke sind Welterstaufnahmen. Bei der Einspielung wird Hope unterstützt vom Deutschen Kammerorchester Berlin unter Leitung von Simon Halsey, Mitgliedern des Rundfunkchors Berlin sowie weiteren Solisten.

So disparat die Wahl der Stücke vordergründig erscheint – Bach, von Westhoff, Pärt und Glass erwartet man nicht unbedingt auf einer CD – so gelungen ist doch die Abfolge der CD, so kohärent und homogen sind doch Klang und Atmosphäre. Mag man das Konzept auch noch so sehr anzweifeln, Hope gelingt die Umsetzung.

Im Zentrum des Albums steht Arvo Pärts „Fratres“ als mit Abstand längstes Stück. In seiner durchaus anstrengenden Komposition, den überraschenden Entwicklungen, der Nutzung von Pausen und Perkussion, den langen Momenten der Stille und den häufig nur getupften Tönen ist es zudem ein Bruch in der Platte und doch aber eben auch der zentrale Punkt, in dem sich all die Momente der anderen Stücke in gewisser Weise spiegeln.

Ein großer Teil der Qualität von „Spheres“ liegt schon in der Eröffnung begründet. Hope bezeichnet von Westhoffs „Imitazione Delle Campane“ (in einer Bearbeitung von Christian Badzura) als eine der „außergewöhnlichsten Kompositionen“ aller Zeiten. Auch für den Hörer erschließt sich das Einzigartige des Stücks schnell. In nicht einmal drei Minuten zieht das repetitiv vibrierende Streicherspiel in seinen Bann. Es erscheint kaum glaubhaft, welch hypnotische Wirkung die minimalen Variationen nicht nur der Töne, sondern auch der Intensität des Spiels auszulösen vermag. Die Kraft wird direkt aufgegriffen von den Wellenbewegungen in Einaudis „I Giorni“. An dieser Stelle muss natürlich auch das Spiel Hopes und seiner Mitstreiter betont werden. Hope beweist in jedem Moment, dass die Los Angeles Times nicht zu Unrecht seinen „großen, reichen Klang“ und seinen „großen, erforschenden Geist“ lobt. Hopes Spiel und das Wechselspiel mit Orchester wie mit den anderen Solisten erscheint tiefer als üblich. Die Neugier, mit der er die Kompositionen bis in die letzten Tiefen zu erkunden versucht, wirkt entschlossener als beim Durchschnitt. Wenn in Faurés „Cantique de Jean Racine op. 11“ die Mitglieder des Rundfunkchors Berlin hinzukommen, ist der Hörer endgültig in Hopes Sphären verloren.

Auch im weiteren Albumverlauf, in den jüngeren Stücken, den Ersteinspielungen dominiert dieser totale Zauber einer vollkommenen, einer außerirdischen Harmonie. Seien es die Stücke Kats-Chernins, Igudesmans, Baranowskis, Richters oder anderer, der Hörer wird isoliert von dieser Welt und vermag sich vollkommen in Hopes Violine, in den Sphärenklängen zu verlieren.

In all dieser Harmonie ist Pärts „Fratres“ ein Bruch, der die allumfassende Harmonie durchdringt. Dies mag gewollt sein; vermutlich ist es sogar nötig, um die Platte davor zu bewahren, wie eine Überdosis Zuckerwatte zu erscheinen. Tatsächlich zerstört es jedoch auch den Fluss der Platte. Es erscheint störend. Dennoch vermag es seine zentrale Funktion als Spiegel des ganzen Albums zu erfüllen. Es ändert nichts am Zauber der einzelnen Stücke oder von „Spheres“ als Ganzem. Nichtsdestotrotz ist es emotional wie ein zu früh gehender Wecker, der den Hörer aus den Träumen reißt. Man schaut sich verwirrt um, und ist sich nicht im Klaren, wo man denn jetzt sei.

Wie auch Sven Helbigs „Pocket Symphonies“ ist Daniel Hopes „Spheres“ eine Schließung der Kluft zwischen U- und E-Musik. In der vorliegenden Zusammenstellung schafft Hope ein klassisches Konzeptalbum mit allen Risiken dieser Kategorie. Auch wenn es einen Moment braucht, die Platte zu genießen, so gelingt ihm das Experiment eines Ensemble-musikalischen Konzeptalbums. „Spheres“ ist einfach ein großartiges Album.