Haim – Days Are Gone

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Am Anfang eines jeden Jahres machen sich Propheten daran zu prognostizieren, welcher Newcomer den größten Eindruck hinterlassen wird. Die Liste der BBC ist die interessanteste unter diesen Prophezeiungen. Dort standen 2013 die drei Schwestern Haim auf Platz 1. Zunächst für Mai angekündigt, erscheint deren Debütalbum nun im September pünktlich, um bis Jahresende auf allen End-Jahreslisten ganz oben zu stehen. Oder?

Tatsächlich gibt es zwei Möglichkeiten, “Days Are Gone” zu bewerten. Die eine sieht dies Album als ein klassisches country-infiziertes Rock-Pop-Album, das vor allem Shania Twain als Vorbild hat. So klingt es zumindest zu Beginn, und dies könnte bedeuten, dass Haim langfristig genau in diese Größenordnungen vorstoßen werden. Andererseits aber lässt sich die Platte auch als sich wiederholende Geschichte interpretieren. Wo in den 1970ern die Popfolkrocker den Soul und den Rhythm’n’Blues in ihre Musik einbanden und so weißen Soulrock schufen, machen Haim nun das gleiche mit dem Indie-Pop der 2000er Jahre, indem sie sich vom R’n’B beeinflussen lassen.

In diesen angegroovten Indie lassen Haim dann eben nochmal nebenbei 1980er Wave-Anleihen und ganz viel Pop einfließen, um so das wohl mainstream-poppigste Indie-Album zu schaffen seit … dem letzten mainstream-poppigsten Indie-Album von Robyn oder La Roux oder Vampire Weekend oder … “United” von Phoenix. Da die Musikhörer wahrscheinlich ausreichend Shania-Twainifiziert wurden, besitzt die erste Albumhälfte von “Falling” bis “Don’t Save Me” genug Ohrwurmpotential, Groove und Penetranz, um allgemein zu begeistern oder zumindest nicht zu stören. Zu dem Zeitpunkt lässt sich schon feststellen: “Days Are Gone” ist ein gutes Album.

Aber dann legen wir die zweite Vinyl auf – wenn wir denn das Album auf einem Plattenspieler hören – und alles wird anders, noch besser, größer, fantastisch. Im Kern ist der Titelsong – mit dem die zweite Albumhälfte beginnt – nicht wirklich weit entfernt von dem Pop-Sound 2013, der die erste Hälfte dominiert und wohl wirklich niemandem weh tut. Doch treibt er die R’n’B-Aneignung einen Schritt weiter und holt so ganz offensiv die Timberlake- und die Robyn-Fans ins Boot. Wenn hier schon genauer hingehört wurde, packt das Albumhighlight “My Song 5” den Hörer am Kragen und drückt ihn an die Wand. Aggressive synthetische Drum-Sounds dominieren diesen R’n’B-Indie-Rock. Sie werden unterstützt durch funk-rockige Bassgitarren, die eine zeitliche Linie vom heute über die 90er bis zum klassischen Funk der frühen 1970er beschreiben. Indietronischer Pop wiederum klingt in “Let Me Go” an, aber erneut verbunden mit R’n’B-Elementen. In gewissem Sinne passt das perfekt in den 2013er Pop-Klang, gesellt sich direkt zu Ms Mr, Aluna George, Robots Don’t Sleep, aber eben auch Maxim, Yasha und die Liste lässt sich fast unendlich fortsetzen, andererseits aber weist es eben weit über diesen häufig ein bisschen banalen Pop-Appeal hinaus. Mit “Go Slow” findet sich zudem eine perfekte und doch vollkommen unpeinliche Power-R’n’B-Ballade, die auch Lady Gaga, Beyoncé oder Rihanna gut zu Gesicht stehen würde. In der Begeisterung über diese zweite Albumhälfte schmerzt „Running If You Call My Name“ zum Abschluss ein wenig. Es sagt zu offenkundig: “Wir wollen es wirklich allen und jedem Recht machen.”

Haim kommen eindeutig aus dem gitarren-orientierten Indie-Pop und verbinden fast traumtänzerisch diesen Ursprung mit den Vorzügen klassischen wie auch modernen R’n’Bs. Sie deuten zudem immer wieder an, dass sie durchaus bereit sind, auch den elektronischen Dancefloor in Zukunft einmal zu erobern. “Days Are Gone” ist ein beeindruckendes Debüt, das vieles verspricht und ebensoviel erfüllt – selbst wenn die Platte sich manchmal etwas zu plump einschmeichelt.