Forest Swords – Engravings

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2010 war das Jahr, in dem der Pop plötzlich hypnagogisch, chillwavig und verhext, geisterhaft hauntologisch wurde. Nicht viele der damals über den Klee gelobten Künstler konnten sich erfolgreich etablieren. Dennoch aber hat der Chillwave in seiner zugänglichsten Variante die Pop-Musik nachhaltig geprägt.

Einer der interessantesten Künstler damals – dessen EP “Dagger Paths” von Fact gleich zum Album des Jahres gekürt wurde – war Matthew Barnes aka Forest Swords. Obwohl er zwischenzeitlich mit dem Gedanken spielte, sein Projekt mit der EP sterben zu lassen, hat er sich nun durchgerungen, ein Album nachzulegen, das den bedrohlichen, beeindruckenden, tiefen Electro-Kunstwerken der EP kaum nachsteht.

Die Vorab-Veröffentlichungen des Albums ließen interessiert, aber nicht unbedingt begeistert zurück. Auch das Album selbst will erarbeitet werden. Zunächst erscheint es, als sei in Barnes‘ Produktionen die Emotion verloren gegangen und die Qualität, die Faszination der Tracks ergäbe sich allein aus ihrer vielfältigen, zu einem guten Teil eklektischen Produktion. Tatsächlich aber ist auch “Engravings” genau so bedrohlich wie die Debüt-EP.

Allerdings lassen sich zwei Dinge festhalten. Einerseits zeigen, dank einer Betonung der Beats und Basslinien, die Stücke 2013 deutlicher ihren Ursprung in einer Faszination für R’n’B, Dub, HipHop, TripHop und Burial’schen Dubstep. Andererseits sind nun mal drei Jahre ins Land gegangen, in denen der Künstler neue Inspirationen hatte, andere Künstler aus den selben Zutaten Alben produzierten und der Hörer sich mehr und mehr an Klangwelten wie die Forest Sword’sche gewöhnen konnte. So spricht “Engravings” sicherlich nicht nur Fans von Burial, Portishead, James Blake, How To Dress Well oder Mount Kimbie, sondern auch von Peaking Lights oder Haxan Cloak an. Im Kern ist das Album wahrscheinlich am besten als Post-Dubstep zu betrachten, allerdings von der dunkleren Sorte, und wobei natürlich Post-Dubstep nicht so anders ist als klassischer TripHop.

Die Faszination der Stücke des Albums beruht zu gleichen Teilen auf ihrer treibenden Intensität wie auf der geschichteten, nahezu undurchdringlichen Produktion. Ob Bass und Beats nun auf geloopte Gitarren treffen oder aber unter Synth-Drones liegen und mit Vokalfetzen verziert werden, Barnes Tracks ziehen ihre Faszination nicht zuletzt aus der Erzeugung bekannter Beat- und Melodie-Muster mittels ungewohnter und scheinbar disharmonischer Mittel. Seien es maschinelles Stampfen in Verbindung mit Keyboard-Melodie-Linien oder verzerrte Melodien unter tribalistischen Trommeln, dank ihrer rhythmischen Akzentuierung funktionieren selbst die vordergründig verwirrendsten Arrangements.

“Engravings” ist eine beat-orientierte, im Dub verwurzelte Platte voller Anknüpfungen an R’n’B und HipHop. Forest Swords spricht im Grunde all jene Trigger an, die sowohl Festival-Popper als auch Avantgardisten gemein haben. Zwar hat man auch immer noch das Gefühl, die Musik sei nicht vollkommen ausgereift, der Künstler sei immer noch in einer Findungsphase, aber gerade deshalb erstaunt die bereits erreichte Qualität und man wartet gespannt, was denn da noch kommen mag.