Sting – The Last Ship

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Es hat immer etwas latent Peinliches, wenn ein erfolgreicher Mensch ein Projekt angeht, das nicht zuletzt seine eigenen Ursprünge thematisiert. Wenn also ein Musiker, der laut NDR 100 Millionen Alben verkauft hat, ein Album macht, das das Werft-Milieu seines Heimatorts thematisiert, wenn er zudem immer wieder den Dialekt dieses Orts im Gesang annimmt, fragt man sich schon: Muss das sein?

Auf “The Last Ship” spielt Sting, um den es hier geht, die Songs seines Musicals gleichen Namens, das im nächsten Jahr Premiere am Broadway feiern soll. Wenn also nicht nur das Kindheitsmilieu thematisiert wird, sondern dies potentiell auch noch im Rahmen von Musical-Melodien geschieht, darf man doppelt gewarnt sein. Tatsächlich, so gesteht Sting, hätten ihm seine Musical-erfahrenen Kollegen immer wieder sagen müssen, gewisse Songs würden im Rahmen des Musicals nicht funktionieren. Noch mehr Befürchtungen tauchen auf.

Musikalisch findet sich auf “The Last Ship” natürlich der Sting, den seine Fans so schätzen. Allerdings steht im Kern des Albums etwas anderes. Zu einen scheint gelegentlich sogar alte Musik im Sinne von Madrigalen anzuklingen, vor allem aber nutzen Sting und seine Mitstreiter die Mittel des traditionellen englisch-keltischen Folks sowie der Arbeitslieder der Seefahrer (“sea shanty”), die entweder in einen Pop-Klang eingebunden oder auch ganz offensiv für sich alleinstehend genutzt werden. Nicht wenige Stücken sollen offenbar suggerieren, klassische Shantys oder Traditionals zu sein.

Wo die Stücke einfach Pop sind (“I Love Her But She Loves Someone Else” oder leicht angejazzt “Practical Arrangement”) oder einfach Sting (“And Yet”, “August Winds”), ist “The Last Ship” einfach ein gutes Album; wenn Sting in “Dead Man’s Boots” den Springsteen in sich entdeckt, wird die Platte sehr gut. Begeisternd wird sie, je folkloristischer die Stücke sind und je mehr die Texte eine Geschichte erzählen. Zu letzteren Songs gehören insbesondere das Titelstück und seine Reprise, das Folk und Sting’sches Songwriting mischende “Language Of Birds”, das melancholisch wütende “Dead Man’s Boots” und “The Night The Pugilist Learned How To Dance”. Zu den traditionell gefärbten Höhepunkten zählen wiederum das Trinklied “What Have We Got” sowie die epische “Ballad Of The Great Eastern”. Neben der musikalischen Orientierung an Traditionals beruht die Qualität von “The Last Ship” somit auch auf Stings erfolgreichem Bemühen, mit den Liedern Geschichten zu erzählen.

Vielleicht braucht der Hörer ein gewisses Faible für Musicals, um “The Last Ship” zu schätzen. Sicherlich ist dafür ein Gefallen an Traditionals und (echten) Shantys nötig. Vielleicht werden letztere Arrangements hier etwas weichgespült. Sicherlich aber muss der Hörer sich auf diese Musik einlassen wollen, und er muss ebenso bereit sein, die von den Stücken erzählten Geschichten zu verfolgen. Vielleicht liegt es hieran, dass die Kritiken für das Album bisher eher gemischt sind. Wer einfach ein Sting-Album erwartet, wird enttäuscht. Begeistert sein kann, wer für ein Album bereit ist, das ebenso nach Sting klingt wie nach The Unthanks und bei dem sich Kunst oder Künstlichkeit eben so finden wie Assozationen an Riverdance.