Julianna Barwick – Nepenthe

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Es ist schwer zu glauben, aber “Nepenthe” ist tatsächlich erst Julianna Barwicks zweites offizielles Album nach “The Magic Place” 2011. Die Stärke dieses Zweitlings ist vielleicht auch gerade seine Schwäche. So sehr das Album zu gefallen weiß, so sehr erscheint dies doch weniger Barwick als vielmehr ihren Mitstreitern geschuldet und der Umgebung, in der das Album entstand. Dennoch, Barwicks Nepenthe kann tatsächlich eine Droge sein, welche die Sorgen verscheucht, so wie es der mythologische Ursprung des Wortes Nepenthe in der Odyssee beschreibt.

Es ist unfair, “Nepenthe” auf seine Entstehungsgeschichte zu reduzieren. Allerdings ist eine der ersten Assoziationen, die beim Hören des Albums aufkommen, die an Sigur Rós. Was normalerweise ein durchaus positiver Ersteindruck wäre, mag einen schalen Beigeschmack hinterlassen, sobald man erfährt, dass das Album von Alex Somers (Sigur Rós, Jónsi, Jónsi & Alex) produziert wurde, dass Amiina und der Gitarrist von Múm mitwirkten, und dass die Platte auf Island entstand. So ermöglicht “Nepenthe”, es voreilig als klischeehafte Blaupause eines typischen “Island”-Albums abzutun; und tatsächlich ist es teilweise genau das. Aber das ist nicht automatisch etwas Schlechtes – nur irritierend.

Die Sphärenklänge von Barwicks ambientem Postrock stehen qualitativ den Höhepunkten ambienter Klangmalerei in nichts nach. Geschichtete Vokal- und Instrumentflächen durchziehen das ganze Album und schillern faszinierend wie Perlmuttwolken. Getupft darüber werden weitere Instrumentalpassagen hervorgehoben. Im Wechselspiel aus beidem entsteht eine die Gefühle ansprechende Direktheit, die zumeist eine tiefe Melancholie erzeugt. Barwicks Gesang erscheint in “One Half” so überraschend, dass er zunächst erschreckt, bereichert aber das Album. Auch der aufsteigende Charakter dieser Vorabsingle lässt befremdet im ersten Moment und ist doch eines der emotional aufwühlendsten Arrangements der Platte. So sehr die sphärischen Welten der Barwick’schen Stücke gefallen, ermüdet der Gleichklang auch in der repetitiven Schleife von “Labyrinthine” und dem nachfolgenden “Forever”.

Wie jedes sphärisch-ambiente Album verlangt auch „Nepenthe” die Bereitschaft des Hörers, sich auf die Langsamkeit und die Vielschichtigkeit einzulassen. Dann ist Barwicks Zweitling eine wirklich lohnende Platte. Ansonsten kann das Werk aber auch durchaus anstrengen.