Julia Holter – Loud City Song

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Mit Album Nummer drei in ebensoviel Jahren setzt Julia Holter die Entwicklung fort, die sich zwischen Album eins und zwei abzeichnete. Das Experimentelle wird reduziert, das poppig Zugängliche maximiert. So erleichtert sie auf “Loud City Song” dem Hörer den Einstieg. Statt jedoch in die Falle zu tappen, dass die Musik somit seicht und belanglos würde, versteckt sie hinter dieser Zugänglichkeit all die Ausdrucksfreude und Kreativität, die “Tragedy” 2011 so einzigartig machten.

Schon die ersten Sekunden nehmen gefangen. Allein und beängstigend klar erklingt Holters Gesang und legt den Hörer unter einen magischen Bann. “World” heißt das Stück, und tatsächlich entsteht hier eine ganz eigene sowohl kammerpoppig diffizile wie auch einfach schöne Welt. Diese Eröffnung verwirrt in ihrer seltsamen Mischung aus abweisend sprödem Äußeren und wohlklingend perfekter Komposition.

Dieses Spannungsverhältnis prägt das Album. Ein poppiger Zauber muss sich erst durchsetzen gegen einen klanglichen Vorhang oder wird herausgefordert von experimentellen Elementen im Hintergrund. Im oberflächlichen Hören dominiert die Schönheit, doch je mehr man sich mit “Loud City Song” auseinandersetzt, desto mehr bannt die Komplexität der Arrangements. Als Beispiel hierfür mag “Maxim’s 1” stehen, das Holter auf Twitter als Herz der Platte bezeichnet. Einfach schön, aber auch ein bisschen träge zieht es bei unaufmerksamem Hören dahin, doch je mehr Aufmerksamkeit man ihm schenkt, um so tiefere Schichten erkennt man, entfaltet sich das gekonnt inszenierte Wechselspiel zwischen den Elementen des Stücks.

Auch vordergründig überzeugen die beiden kürzesten Stücke des Albums “He’s Running Through My Eyes” und “This Is A True Heart” bereits in all ihrer Schönheit. Das eine ist eine melancholische Miniatur. Das andere ist eine beschwingt einfache Popnummer zwischen Jazz und großer Pop-Hymne. Aber selbst in dieser Einfachheit vermag Holter noch genug Tiefe verstecken, dass man auch beim x-ten Hören noch Neues entdeckt.

In seiner Intensität kann aber wenig mit der bedrängenden, einengenden, treibenden Atmosphäre von “Horns Surrounding Me” mithalten. Im steten Fluss des Rhythmus und den unterlegten Synthesizerflächen möchte der Hörer sich verlieren. Nicht nur hier kann man sich durchaus an M83s “Before The Dawn Heals Us” erinnert fühlen, so sehr vermag Holters Musik emotional anzugreifen. Der Bezug zu Anthony Gonzalez soll allerdings in keiner Weise einen Vergleich der Musik darstellen. Es ist vornehmlich die erzielte Wirkung, die sich vergleichen lässt.

Der erste Eindruck von Julia Holters “Loud City Song” war, dass es ungefähr auf einer Ebene mit dem Vorgänger “Ekstasis” stehe, aber nicht mit dem Debüt “Tragedy” mithalten könne. Es sei ein wirklich gutes Album, das man gut nebenbei hören könnte, das aber nicht wirklich fordere oder auf Dauer fesseln würde. Tatsächlich jedoch könnte es sein, dass Julia Holter dadurch, dass sie die vordergründige Zugänglichkeit erhöht, aber die hintergründige Komplexität dennoch beibehält, mit “Loud City Song” ihr bisher bestes Album vorlegt.