James Blake – Overgrown

Auch wenn James Blake nicht der erste war, der zwischen Dubstep – oder allgemeiner Electro – und R’n’B vermittelte, so waren es doch seine frühen EPs und sein Debüt-Album, welche die Tür weit aufstießen für Künstler wie The Weeknd, Frank Ocean und andere mehr. Die große Aufmerksamkeit, die gerade ihm von Medien und Öffentlichkeit zukam, beruhte vor allem auf der Radikalität seiner elektronischen Experimente und darauf, wie unbeschwert er diese mit einem kaum fassbaren Pop-Appeal verband.

Sein zweites Album “Overgrown” führt Blakes bisheriges Schaffen nun konsequent fort und sorgt kaum für Überraschungen. Das gilt, selbst wenn Blake sich mit einer Kooperation mit Wu-Tang-Mastermind RZA tiefer in den HipHop hineinwagt als zuvor, und wenn die Ko-Produktion mit Brian Eno den klassischen Electro zurückbringt in die Blake’schen Produktionen.

So präsentiert Blake auf “Overgrown” genau jenen sanften, jenseitigen R’n’B-Pop, der den Erfolg seines Debüt-Albums ausmachte. Was das Album darüber hinaus auszeichnet, ist der Fortschritt im Songwriting. Während Blakes Produktionen zuvor schon über jeden Zweifel erhaben waren, überzeugen auf seinem zweiten Album auch die Songs in jedem Moment. Die Tiefe und Feinsinnigkeit der Produktionen und ihre Perfektion treffen hier somit nicht auf Stücke, deren Spannungsbögen unfertig und zu seicht wirken, wie es auf dem selbstbetitelten Debüt durchaus der Fall war. Das geschickte Spiel mit Klangflächen, zarten Beats und hintergründigen Basskonstrukten tritt hier in den Dienst von Tracks, deren Fortschreiten immer zwingend und doch nicht vorhersehbar erscheint. Am wenigsten gilt dies noch für RZAs Beitrag zu “Take A Fall For Me”.

Wie andere Künstler, die zunächst mit Singles oder EPs Aufmerksamkeit erregten, orientieren sich die Erwartungen an Blake an diesen frühen Veröffentlichungen. Subjektiv bleibt er dann auch mit seinem zweiten Album noch etwas schuldig. In aller Schönheit, Kreativität und Vollkommenheit der Produktion fehlt es an den atemberaubenden Momenten. Allerdings kommt Blake auf “Overgrown” dem Versprechen der frühen Tracks schon recht nah. Dahingehend ist “Voyeur” zu erwähnen, der als ausgewachsene Dancefloorhymne Pop-Appeal und ekstatische Tanzflächenglücksgefühle zusammenbringt. Ganz anders beweist “To The Last” Blakes Ausnahmestatus; über ein Bett aus Steeldrums entfaltet sich eine digitale Ballade voller Schmerz. Nicht nur, aber besonders hier glänzt Blakes seelenvoller Gesang. Wie sein Songwriting hat auch seine Stimme an Überzeugungskraft gewonnen. “Our Love Comes Back” vervollständigt dieses nahezu perfekte letzte Albumdrittel. Stimme und Klavier werden ergänzt durch ein reduziertes, blubberndes Arrangement, in dem das Rauschen der Stille zum Instrument wird.

James Blakes Zweitling überzeugt zum einen als reines Pop-Album, zum anderen aber auch als eine Platte, die dazu auffordert, genau hinzuhören auf ihre feinen Zwischentöne, auf die Subtilität, mit welcher der Künstler seine Produktionen zu kleinen Kunstwerken macht. Wie erwähnt bleibt Blake auch auf seinem zweiten Album noch etwas schuldig, wenn man ihn an seinen frühen EPs misst. Da sich aber ganz offenbar seine Zielgruppe geändert hat, sind diese frühen Stücke vielleicht der falsche Maßstab. Somit erfüllt “Overgrown” alle Erwartungen – auch die Befürchtung eines eher unspektakulären Albums –, lässt weiter gespannt warten auf das, was James Blake noch (er)schaffen kann und überzeugt doch in der Schönheit des präsentierten introvertierten, geisthaften R’n’B-Pops.