Aufgang – Istiklaliya

Francesco Tristano, Rami Khalifé und Aymeric Westrich sind Aufgang: zwei Pianisten, ein Schlagzeuger. So wird ihr Projekt zu einem der interessantesten im Bereich der Clubmusik, was die drei Musiker bereits mit ihren ersten Singles, Auftritten und dem Debüt-Album klarmachten. Diese Arbeiten zeigten aber auch, dass es falsch wäre, Aufgang als elektronische Tanzmusik zu bezeichnen, selbst wenn die Zielgruppe ihres Crossovers ganz klar in diesem Bereich liegt. Aufgrund ihres Ausnahmestatus müssen Tristano, Khalifé und Westrich natürlich damit leben, dass die Ankündigung eines Albums eine gewisse Erwartungshaltung auslöst, eine Erwartung, die “Istiklaliya” nicht erfüllt.

Es besteht kein Zweifel, Aufgang reißen auch auf ihrem zweiten Album erfolgreich Mauern – oder zumindest deren Reste zwischen E und U – ein. Allerdings gehen sie dabei zum Teil nicht sehr feinfühlig vor. Während die Kombination aus zwei Pianos, Schlagzeug, elektronischen Beats und der perkussiven Nutzung des Klaviers natürlich erneut – und eigentlich immer – zu interessanten Ergebnissen führt, wirkt das Album doch wie ein eher obskures Sammelsurium der Ideen und der Emulationen von Vorbildern oder zumindest Orientierungspunkten. Die Schwächen des Albums sind so zahlreich, aber die Zusammenfassung lautet: Das Songwriting ist häufig schwach, die Melodien seicht, die Beats platt. Am meisten trifft dies alles auf “Ellentroutir” zu, das wirkt, als remixe ein mittelmäßiger DJ Richard Clayderman. Nicht ganz so seicht, aber auch irgendwie claydermanesk erklingt später noch “African Geisha”. Das ließe sich als zauberhaft und romantisch bezeichnen, aber irgendwie wäre das Schönfärberei.

Beim Hören des Albums dominiert allerdings der Eindruck, Aufgang versuchten krampfhaft, auf die Zwölf zu gehen. Selbst wenn man merkt, es kommt ihnen eigentlich auf die Atmosphäre an, töten übertriebene Bässe und Beats jeden Anflug von Tiefe. Perfektionismus und Überproduktion stehen einem gelungenen Endprodukt im Weg. Wenn denn der Eindruck aufkommt, die Musiker würden sich auf ihre Kernkompetenzen beschränken, verkommt ein Stück wie “Rachael’s Run” zur wilden Ideensammlung, die streckenweise klingt, als seien die Kings of Leon Vorbild gewesen. “Abusement Ride” wiederum ist eine dreiste Battles-Kopie, die jedoch zum Club-Hit und zur Melt-Hymne taugen sollte. Nichtsdestotrotz ist es auch ein Track, der ungefähr den Nervfaktor von Brock Bousfields “Nero’s Day at Disneyland” besitzt, ohne aber den Hörer ebenso zu begeistern. Zu den interessanteren Stücken zählt noch “Balkanik”, bei dem Aufgang mit ihrem Club-Konzertsaal-Crossover Balkanbeat nacheifern. Aber selbst hier wirkt das Arrangement gekünstelt und übertrieben.

Um etwas positiver zu sein, vieles auf dem Album – und insbesondere “Balkanik” – macht Spaß und geht in die Beine. Nur ein Stück überzeugt jedoch vollständig: Allein “Diego Maradona” verkörpert tatsächlich all das, was man von Aufgang erwartet: ein Schlagzeug, das clubtaugliche Rhythmen hervorbringt, die vier Quadratmeter des Flügels als Perkussion, faszinierendes Pianospiel und im geeigneten Moment ein Synthesizer. Wenn das Album durchgängig diese Qualität hätte…. aber nein, selbst ähnlich gestrickte Stücke tappen in die Falle der eskalierenden Beats und Tempi.

Wie gesagt, vieles hier macht Spaß, und die Tracks des Albums werden live das Publikum in Esktase versetzen. Aber auf Vinyl, CD oder Festplatte gebannt erinnert alles ein bisschen an “Alarm für Cobra 11” – 100% Action und Stunts ohne jeden Platz für Feinheiten. Insofern gleicht der Spaß jenem, den man mit Example oder Deadmau5 haben kann, wenn man denn drauf steht.

Im Grunde muss man Aufgang dennoch bewundern. Sie finden mit ihren neuen Stücken Platz im Klassik- (“African Geisha”), Schlager- (“Ellentroutir”) und Jugendradio (“Balkanik”), und “Abusement Ride” taugt dazu, ByteFM zu rocken. Als Album aber ist “Istiklaliya” eher mittelmäßig.