Xiu Xiu – Always

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Jamie Stewarts Xiu Xiu bewegen sich immer auf einem schmal Grat zwischen Experimentellem und Hymne, Lärm und Melodie, Dissonanz und Harmonie, Noise und Pop. Vielleicht fasst man es mit dem Grat zwischen Manie und Depression, wobei nicht klar ist, welche Bedingung für welche musikalische Seite steht. Auf dem letzten Album „Dear God, I Hate Myself“ überwog die wohlklingende Tragödie, die poppigen Hymnen in all ihrer düsteren Schwere. „Always“ nun kann zwar auch genügend wohlklingende Dunkelheit aufweisen, sein Gesamteindruck aber wird bestimmt von den zerstörten Momenten. Jamie Stewart macht Musik für sich, selbst die größte Harmonie wirkt hier bedroht von seinem experimentellen Gestus und – vor allem – von seinen Texten.

Da Nika Roza Danilova (aka Zola Jesus) nach ihren Kooperationen mit Stewart nun die expressive harmonische Dunkelheit im Pop wieder etabliert hat, kann Stewart sich voll der Verstörung widmen. Sein gepresster verängstigter Gesang erklingt gehaucht, gestöhnt, geschrien. Der Drumcomputer stampft, der Synthesizer flimmert. Klare Schönheit und repetitives Chaos wechseln sich ab, verschmelzen. Billiger Trash und fein ziselierte Kunstwerke interagieren miteinander. Alles bestimmt jedoch das Leiden der Seele. Jamie Stewart vertont einmal mehr Geschichten der mentalen Verletzung.

So zieht er einmal mehr in den Bann der betroffen machenden Texte wie auch der irremachenden Musik. Das Nebeneinander von Hymne und experimentellem Toben bestimmt „Always“ vollkommen. Manche Stücke – wie die Albumeröffnung „Hi“ – überzeugen in ihrer Radiotauglichkeit als synthetischer Pop. Andererseits finden sich noch im tiefsten Gewirr von „I Love Abortion“ Momente, in denen die pure Dissonanz angreift und fesselt.

Xiu Xiu präsentieren einmal mehr ein Album des Kampfes mit all dem, was das seelische Gleichgewicht in dieser Welt bedroht. In diesem Eingreifen, in dieser Konfrontation liegt die Qualität der Stücke, egal, ob sie die Sanftheit von „The Oldness“ verströmen, stürmisch treiben („Chimney’s Afire (Mickensian Suicide)“), melancholisch bezaubern wie „Smear The Queen“ oder eine pure Tragödie vertonen a la „Black Drum Machine“.