Soap&Skin – Narrow

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Auch ziemlich genau drei Jahre nach dem Erscheinen ihres Debütalbums ist es immer wieder ein Schock, erschrickt es, Soap&Skin aka Anja Plaschg zu hören. Kompromisslos fordert sie dem Hörer alles ab und schont sich dabei selbst vermutlich kaum mehr. „Narrow“, der Nachfolger zu „Lovetune For Vaccuum“, scheint zwar vordergründig mit seinen knapp 30 Minuten kein vollgültiges Album zu sein, doch ist die Intensität der Musik vor allem zu Beginn so erschöpfend, dass die Kürze der Platte tatsächlich eher als eine Wohltat empfunden wird.

Plaschgs Vortrag mit Stimme und Piano bedrängt den Hörer, zwingt ihn in eine Verteidigungshaltung. Streicher, Pauken, elektronische Beats und analoge Störgeräusche unterstützen diese Wirkung. Der kalte, leicht abwesende Gesang steht auf „Narrow“ noch mehr im Vordergrund und zeichnet noch mehr für die Wirkung verantwortlich als auf dem Vorgänger.

Vordergründig pure Harmonie nimmt doch bereits die dem verstorbenen Vater gewidmete Albumeröffnung den Hörer vollkommen in Beschlag. Während ein Takt Piano verklingt, setzt Plaschg unvermittelt an zu singen. Der immer wieder kritisierte mangelnde Wohlklang der deutschen Sprache wirkt hier tatsächlich sofort wie ein Angriff, fordert, macht klar, man solle auf sich aufpassen, sonst könne man hier verlorengehen. Zwischen sanft und rasend findet sich in „Vater“ keine Pause, Plaschg vertont die aufwühlende Vernichtung der eigenen Seele durch den Verlust eines geliebten Menschen. Die zarte Zerbrechlichkeit des streicherlastigen Desireless-Covers „Voyage, Voyage“ schließt sich nahtlos an, in dem es die Schwärze der Seele vertieft. All die Kraft, die dem Soap&Skin’schen Oeuvre innewohnt, findet sich dann im verstörenden, aggressiven „Deathmental“ wieder. Der Hörer wird hin und her geschleudert, die Musik raubt innere und äußere Ruhe, sie wühlt auf, lässt die Nerven leiden und nach einem geschützten Platz sehnen. Ähnlich aufreibend schließt „Big Hand Nails Down“ das Album. Pauken und hitzig perkussives Klavierspiel unterstützen den kämpferisch voranstürmenden Gesang. Auch „Boat Turns Toward The Port“ verdeutlicht die experimentelle Stärke der Musik Anja Plaschgs, in der dennoch immer ein betörender Wohlklang seinen Platz hat.

Wohlklingende Melodien stehen im Zentrum des Albums mit „Cradlesong“, dem Schubert zitierenden „Lost“ und „Wonder“. Sie könnten einerseits als simpler Pianopop gesehen werden, könnten aber auch das Label „Kunstlied“ verdienen. Diese Nummern verdeutlichen eins von zwei Problemen des Albums. Manches klingt aufgewärmt vom Vorgänger. Die Verbindung von Plaschgs unverwechselbarem Gesangsstil, einer Menge Hall und ihrer Art, das Klavier zu nutzen, scheint hier in der Mitte von „Narrow“ fast rezepthaft eingesetzt zu werden.

Das andere Problem der Platte ist in mancher Hinsicht gar kein solches. Bei aller erschreckender, erschöpfender, abstoßend schöner Intensität des Albums stellt sich von Anfang an das Gefühl ein, es fehle etwas, als sei die Musik trotz all ihrer Stärke nicht vollkommen zwingend. Der Effekt der Musik ist überwältigend, und dennoch verbleibt da eine Distanz, eine Leere. Dies kann ein Mangel der Musik sein, deutet an, dass Effekthascherei tatsächlich den Vorrang vor emotionaler Qualität erhält und zu wenig versucht wird, die Gefühle des Hörers zu ergreifen. Vielleicht ist es aber eher so, dass „Narrow“ den Hörer so dermaßen aufwühlt, die sohre, leere Stelle in einem berührt und all die inneren Risse aufgedeckt werden, dass die eigenen Gefühle ganz automatisch eine Leere, allerdings eine innere, spüren.