Mull Historical Society – City Awakenings

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Im Januar 2002 erschien hierzulande ein Album, das in seinem melodischen Frohsinn, in seinen Ohrwürmern den Hörer euphorisch belebte und das jede Trauer wegzuwischen vermochte, aber dennoch selbst in den glücklichsten Momenten eine gewisse Melancholie mitschwingen ließ. Colin MacIntyres Debüt als Mull Historical Society konnte jede Wolke wegschieben, die sich traute, auch nur den Horizont zu berühren. Pure Freude verband sich mit dem erdenden Wissen um die Endlichkeit und schuf ein fantastisches Pop-Album. Das war „Loss“. Der Erfolg gab dem Schotten MacIntyre wohl nicht recht, denn keines der beiden weiteren Alben von Mull Historical Society erschien offiziell hierzulande, und auch das erste von zwei unter dem eigenen Namen veröffentlichte Album „Water“ ist nur als Import erhältlich.

Zehn Jahre nach „Loss“ kommt nun also „City Awakenings“ auf den Markt. Wo das Debüt ganz offiziell MacIntyres Heimat, die Hebriden-Insel Mull, feierte, soll das neue Album im Zeichen der Städte stehen, die ihn prägten – London, Glasgow, New York. Ansonsten ist aber im Grunde alles beim Alten. Neun zuckersüße Perlen des Indiepop verzaubern und schaden dem Ohrzuckerspiegel. Das nimmt man allerdings sehr gerne in Kauf. Zudem ruft uns eine introvertierte, zumeist instrumentale Nummer von Wolke sieben auf den Erdboden zurück – das abschließende „Thameslink (London’s Burning)“.

Während „City Awakenings“ im Songwriting, in seinen hymnischen Melodien, in seiner simplen Schönheit tatsächlich direkt bei „Loss“ anschließt, gibt es qualitative Unterschiede. Zum einen mangelt es an den absoluten Ohrwürmern, jenen Stücken, die sich im Ohr eingraben und auch nach zehn Jahren noch dort wohnen werden, zum anderen fehlen aber auch jene auf lange Sicht etwas schwächeren Stücke. „City Awakenings“ ist von der Stimmung (fast) und von der Qualität vollkommen durchgängig gleichbleibend eine glitzernde, poppige, süße wie süßliche und mitreißende Platte. Das kann ermüden, das kann begeistern.

Was Stücke wie das hymnische „You Can Get Better“, den beinahe-Ohrwurm „Must You Make Eyes At Me Now“, den treibenden Stadionpop „For Bas, The Hague“ oder das etwas zurückgenommenere „Fold Out City“ vor allem vom Debüt unterscheidet, ist, dass MacIntyre hier und heute ein einfacheres Songwriting wählt, geradliniger dem Pop folgt. Wo vor zehn Jahren viele Stücke so beeindruckten dank der Brüche, Stilwechsel und Versatzstücke, und wo sie so zu etwas großem, schönem Ganzen wuchsen, fehlt dies heute fast vollkommen. Das ändert jedoch nichts daran, dass „City Awakenings“ ein einfach gutes, poppig gefangennehmendes Album ist, dessen Zuckergehalt im Nachhinein eben mittels einer Dosis Soap&Skin abtrainiert werden muss.