Mouse On Mars – Parastrophics

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Es ist viel Zeit vergangen. 1994 veröffentlichen Andi Toma und Jan St. Werner ihr Debüt „Vulvaland“. 2006 erscheint das bisher letzte Mouse-on-Mars-Album und 2007 ihre Kollaboration mit Mark E. Smith als Von Südenfed. Inzwischen sind Toma und St. Werner in Berlin angekommen. Vielleicht ist es der Einfluss der deutschen Hauptstadt, der den Eindruck erweckt, dass Mouse On Mars mit „Parastrophics“ nicht wirklich an frühere Großtaten anschließen können. Vielleicht ist es aber auch nur die Arroganz des Rezensenten, die meint, zwei der neben Autechre und Aphex Twin subjektiv wichtigsten internationalen (und nicht nur deutschen) Elektro-Künstler ließen den Punch alter Tage vermissen. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass die elektronische Musik sich in den letzten Jahren derart weiter entwickelt hat, dass die verfrickelte, scheinbar undeterministische Schönheit Mouse-On-Mars’scher Klangwelten hier fast gestrig wirkt. Aber wie gesagt: dieses Urteil könnte vor allem Ausdruck der Überheblichkeit des Schreiberlings, Fans oder einfach Hörers sein, mit der Mouse On Mars selbst im Lauf des Albums kokettieren.

So wie es vor sechs Jahren nicht wunderte, dass „Varcharz“ auf Mike Pattons Ipecac erschien, so erscheint es heute streckenweise ganz natürlich, dass „Parastrophics“ auf Modeselektors Label Monkeytown veröffentlicht wird. Wo „Varcharz“ gefühlt mit die zerstörtesten – und doch subtil tanzbaren – Beats der MoM-Karriere bot, so schleicht sich heute immer wieder ein Bass unter das gebrochene, bleepende, klickende Chaos, der fast an HipHop gemahnt. Andererseits aber nimmt „Parastrophics“ auch immer wieder Züge einer trashigen Electro-Unordnung an, die es eigentlich für Jason Forrests Cock Rock Disco prädestinieren.

Sei es wie es sei, mag „Parastrophics“ weder genialistischen Glitch bieten noch eine Revolution der elektronischen Musik verkünden, so ist es doch immer noch eine immer wieder verblüffende Platte, deren Irrungen und Wirrungen sich erst im wiederholten Hören erschließen lassen und immer weiter offenbaren. Vielleicht ist der proto-poppige Klang mancher Tracks eine Spätfolge der Von-Südenfed-Zeit, benannten Mouse On Mars doch damals Mark E. Smith als verantwortlich für eine Reduktion der Klangschichten, die zu einer Vereinfachung der Arrangements und einer direkteren Zugänglichkeit der Tracks führte.

Aus diesem Entgegenkommen entstehen auf „Parastrophics“ funktional clubbige Sounds, die fast an Skrillex gemahnen oder Assoziationen an Diplo, M.I.A. und all die Ghettotech-Genossen heraufrufen. Ohne ihren eigenen Charakter zu verraten und ihre gebrochenen, mal technoiden, mal dubbigen, mal jazzigen, mal rockenden Sounds aufzugeben, erweitern Mouse On Mars hier ihren veröffentlichten Kosmos um eine poppig-tanzbare Bassmusikkomponente. Der Funk, der immer irgendwo vorhanden war in ihren Tracks, tritt weiter nach vorn. Durchbrennende Oszillatoren und geniale Ohrenschmerzen-Beats werden hier um einen zeitgenössischen publikumsorientierten Anteil ergänzt. Umgekehrt formuliert ziehen Mouse On Mars den Klang der Zeit, Berliner Electronica zwischen Modeselektor und Jahcoozi, durch ihr ganz persönliches Säurebad, drehen ihn durch den Wolf ihrer elektronischen Gerätschaften.

Alles in allem mag das subjektiv unspektakulär klingen oder sogar zwischenzeitlich subjektiv seicht wirken. Ein gutes Album ist „Parastrophics“ dennoch, und Mouse On Mars zeigen auch im Jahr 2012 noch manch einem ihrer Kollegen, was eine Harke ist.