Michael Kiwanuka – Home Again

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Es hat sich in den letzten Jahren eingebürgert, die Hits eines Künstlers ganz an den Anfang eines Albums zu stellen. Der Grund hierfür ist angeblich, dass der Hörer, der potentielle Käufer das Interesse verliert, wenn er beim Probehören der 30-Sekunden-Snippets bei Saturn oder Amazon nicht sofort die vertrauten Stücke hört. Was bei DSDS-Siegern der Fall ist, wird auch bei Michael Kiwanukas Debüt „Home Again“ umgesetzt, und tatsächlich sind es die eröffnenden Tracks, deren Magie den Hörer sofort packt, während manches im weiteren Albumverlauf doch einen Moment braucht, um zu zünden. Das ändert jedoch nichts daran, dass Kiwanuka ein Glücksfall nicht nur für sein Label, sondern auch für jeden Musikhörer ist. Natürlich ist Kiwanuka mit seinem swingenden, folkigen, souligen, jazzigen Pop ein kompletter Anachronismus, das Album ist ein durchgängiger Verweis in die 1970er oder sogar 1960er Jahre, aber das macht einen bedeutenden Anteil des Reizes der Platte aus.

Einerseits emuliert Kiwanuka jede Spielform des Gesangs der 1970er zwischen Folk, Blues, Soul und Jazz, andererseits ist auch sein Songwriting ganz in dieser Zeit und diesen Genres zwischen The Band und Marvin Gaye, Cat Stevens und Fela Kuti, Joni Mitchell und Van Morrison verwurzelt. Wo dies in Verbindung zu einem wahnsinnigen Talent bereits ein gutes Album garantiert, würde es in vielerlei Produzentenhänden nicht so strahlen, wie es das tut. Weder Danger Mouse (Electric Guest) noch Albert Hammond (Duffy) oder Rick Rubin und Paul Epworth (Adele) haben es vermocht, den Alben der entsprechenden Interpreten einen so authentischen Charakter zu verleihen wie „Home Again“ ihn besitzt, und selbst Mark Ronson (Amy Winehouse) erreicht in seinen Produktionen nicht diese originäre Qualität, die Kiwanuka und Produzent Paul Butler (von The Bees) hier hervorbringen. In Stimme, Melodien und Produktion verströmt „Home Again“ eine ungemeine Wärme und eine emotionale Sicherheit. Das Album gibt Halt, versetzt Saiten der Seele in Schwingung, die im Pop dieser Tage in der Regel nicht angerührt werden.

Insbesondere zu Beginn sind es Stücke wie der jazzige Soul von „Tell Me A Tale“, der klassische Folkpop „I’m Getting Ready“ im Stile eines Cat Stevens oder das beides verbindende „I’ll Get Along“, die direkt in ihren Bann ziehen. Neben analoger Wärme sind es vor allem der Einsatz von Chorus, Flöten, Perkussion und der Instrumentierung überhaupt, die diese Stücke zu sofortigen Lieblingssongs machen. Selbst wenn im Verlauf des Albums ein Folkrock im Stile von The Band immer mehr an Bedeutung gewinnt bzw. dessen Re-Interpretation durch Ben Harper und Jack Johnson, so findet sich doch immer weiter eine analoge Wärme, die – selbst wenn sie aus der Effekttrickkiste stammen sollte – den Stücken einen eigenen Charakter verleiht, eine spezielle Qualität. Am Ende gesellt sich zu der Zeitreise in den Pop noch eine Portion Gospel hinzu und vollendet somit die warme Größe der Platte.

Michael Kiwanukas Debütalbum lebt von der Vielfalt und zu einem kleinen Teil auch von den Versprechungen, die darin liegen. Es bleibt spannend, ob er sich für die – subjektiv sichere – folk-rockige Seite entscheiden wird, die einerseits Richtung Ben Harper und andererseits Richtung Bruno Mars weist, oder ob er die – interessantere – jazzig-soulige Seite wählt, die hier auf dem Debüt zudem Afrobeat-Anklänge und Gospel einschließt.