Mia. – Tacheles

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Mia. sind Mia. und daran wird sich wohl auf absehbare Zeit nichts ändern. Allerdings ist das wohl kaum ein Vorwurf, denn wer beschwert sich schon, dass Madsen, Jochen Distelmeyer oder Udo mehr oder weniger immer das gleiche machen? Folgerichtig gibt es auch beim nunmehr fünften Album der Band um Sängerin Mieze wohl klar getrennte Lager, diejenigen, die mit der Mia.‘schen Musik etwas anfangen können, und jene, die dabei das Grausen kriegen. Insofern lässt sich entweder lobend hervorheben, wie hier elektronische Beats mit Post-Punk – oder in der deutschen Ausprägung: Neue Deutsche Welle – verbunden werden und wie Miezes Gesang zwischen himmelhochjauchzend und bedrohlich wechselt, oder aber man fühlt sich von diesem weichgespülten, radio-frisierten Deutschpop provoziert. Also im Grunde alles beim Alten wie 2002 zu Zeiten von „Hieb & Stichfest“.

Nachdem bei den letzten Alben zuerst der Pop ausschließlich Pop sein sollte und dann alles etwas zurückgenommener angegangen wurde, hat die Band offenbar inzwischen eingesehen, dass ihre Epigonen von Frida Gold die Rolle der Rosenstolz und Nena für das jüngere Publikum besser erfüllen, während Jennifer Rostock den pseudo-punkigen Pop ausreichend besetzen. Somit stand der Weg frei, den Wechsel der Plattenfirma auch mit einem musikalischen Zurück zum offensiv Tanzbaren zu verbinden, die Stimmung dunkler und rockiger zu gestalten.

Tatsächlich könnte man zu Beginn der Albumeröffnung „Sturm“ den Eindruck gewinnen, Mia. wollten jetzt die deutschen Editors werden. Allerdings macht schon die erste Single „Fallschirm“ klar, dass das latent Überdrehte weiter im Vordergrund steht. Dabei betont die Band zwar die Bassklänge, aber im Kern soll eben doch die Mehrheit vor dem Radio und nicht nur eine Szene im Club tanzen. So geht es dann im Grunde auch erst einmal weiter. Den Höhepunkt erlangt das Album dann in „Immer Wieder“, wenn das Hüpfende des Mia.‘schen Pop einerseits von leichter Dunkelheit durchbrochen und andererseits aber durch synthetische Steelpan-Klänge noch mehr betont wird. Zwischen „Am Tag Danach“ und „Musik“ nimmt das klassische Wiederaufwärmen der 80er-Jahre seine Rolle besonders ernst und wildert zwischen New Wave, Synthpop und Disco durch alles, was das Jahrzehnt an proto-elektronischem Pop zu bieten hatte. Kurz vor Albumschluss wird es tatsächlich einmal ruhig. „Brüchiges Eis“ ist zwar eigentlich auch nur ein Rosenstolzverschnitt, aber in Verbindung mit Miezes Gesang, Sprechen und der simuliert/real brechenden Stimme wird die Melancholie der Nummer zu einem weiteren Albumhighlight.

So gibt es denn auf „Tacheles“ keine wirklich herausragenden Momente, aber auch keinerlei Ausfälle. Anders formuliert gefällt bei jedem Hören ein anderer Song besonders und auch jene Momente wechseln, die man jetzt gerade nicht braucht. Kurz gesagt, das fünfte Mia.-Album ist eine wirklich gute Platte.