Luciano – Vagabundos

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Lucianos „Vagabundos“-Compilation gehört sicher zu den Platten, bei denen sich Künstler und Label keine Sorgen machen müssen, dass sie nicht genügend absetzen würden. Zu treu ist Lucianos Gefolge, das er sich nicht nur auf Ibiza, sondern durch die Clubs weltweit erspielt hat. Das wiederum sollte wenig mit seiner persönlichen Spezialität zu tun haben, mehr Tracks als üblich über- und ineinander zu verschneiden, denn so verlieren die Einzelteile zu häufig ihren eigenen Charakter, ohne jedoch zwangsweise zu etwas Größerem zusammenzuwirken. Nichtsdestotrotz ist „Vagabundos“ eine mal faszinierende, aber vor allem fast durchgängig ungemein unterhaltende Platte.

Sie beginnt jedoch mit einer Enttäuschung, denn in den eröffnenden drei Nummern ist relativ wenig von dem zu erkennen, was in der Tracklist die Platte und besonders diese ersten Tracks so reizvoll machte. Francesco Tristanos Bach-Interpretation im von-Oswald-Remix geht doch eher im latenten klanglichen und treibenden Chaos unter. Andererseits aber hat dieses phasenweise dissonante House-Durcheinander seine ganz eigene Faszination: insbesondere, wenn sich später noch James Blakes „Wilhelm Scream“ mit hineinschiebt.

Nachfolgend vereinfachen sich die Klanggebilde, und Peter Horrevortsts „Deepbassline“ übernimmt die funktional clubbig-effektive Kontrolle. Wo der Track allein schon gut ist und funktioniert, jedoch vielleicht etwas herkömmlich wirken könnte, überrascht Luciano mit der Verwendung von Whirlpool Productions‘ Fun-House-Klassiker „From Disco To Disco“. Über jeden Zweifel erhaben und jederzeit in jedem Kontext funktionierend, interagiert der wiederum nachfolgend mit „What They Say“ von Maya Jane Cole, die wohl derzeit eine der fleißigsten Produzentinnen sein dürfte. An dieser Stelle spätestens verliert Lucianos „Vagabundos“-Mix eigentlich den Reiz über die eigene Zielgruppe hinaus, könnte man denken – doch bereitet er diese pure Clubästhetk so gut vor, dass man auch als Nicht-House-Fan ihm gerne folgt. Zudem ist „What They Say“ in seiner flirrenden Vielschichtigkeit auch ein extrem guter Track. Kikis „Summer“ und Jamie Woons „Lady Luck“ werden nachfolgend zum vorletzten Höhepunkt des Mixes verwoben, was tatsächlich vor allem an Woons Vocals und Songwriting liegt.

Interessanterweise geschieht dies alles etwa im ersten Drittel der Dauer des Mixes. Aber dies reicht, um die nachfolgenden 50 Minuten zu genießen, selbst wenn weder R.A.W, noch Matthew Dear, noch Moodymanc voll überzeugen können. Der Reiz des nächsten Blocks in Lucianos Mix kommt zum einen vor allem daher, dass Luciano uns bisher überzeugt hat, eine gute Zeit haben zu wollen, und zudem daher, dass mehr oder weniger im Hintergrund der „Midnite Groove Sun Express“ von Anonym seine Bahnen zieht und Argys „Ethiopia’s Rise“ in seiner tiefen, düster, leicht verstörenden Ästhetik das Monotone, leicht Nervende von Cesar Merveilles „Maayancholy“ kontrastiert. DJ Sprinkles „Grand Central Pt. I“ zum Abschluss ist dann allerdings über jeden Zweifel erhaben und entlässt uns doch in hohem Maße erfreut aus Lucianos „Vagabundos“-Mix. Mag der Mix am Ende in Gänze nicht halten, was die Tracklist verspricht, ist er aber dennoch bei allen potentiellen Schwächephasen eine verdammt unterhaltende House-Compilation.