Grimes – Visions

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„Halfaxa“, das hierzulande 2011 erschienene CD-Debüt der Kanadierin Claire Boucher (aka Grimes), kann als die Parade-Platte dessen gesehen werden, was 2010, als größter Hype verhext, neogotisch und hypnagogisch durch die Blogs geisterte. 2012 erscheint nun der Nachfolger „Visions“ auf dem Indie-Major 4AD.

Vielleicht liegt es an dieser größeren Plattform, vielleicht fühlt sich Boucher aber auch einfach jetzt befreit, auf jeden Fall ist „Visions“ im Kern eine Pop-Platte. Natürlich findet sich immer noch das geschichtet-verwickelt Elektronische des Vorgängers. Es erklingt jedoch in einem Kontext, der einerseits von Trash bis R’n’B (im Sinne von Urban Music) reicht, und auf der anderen Seite seine Verwandtschaft mit dem synthetischen Pop von Little Boots bis La Roux nicht verleugnen kann. „Visions“ ist somit sofort zugänglich und es mangelt ihm in gewissem Maße am Experimentellen oder auch nur Verschrobenen. Grimes zweites Album richtet sich – bewusst oder unbewusst – an ein Radio-Pop-Publikum, das kein Problem damit hat, wenn es ab und an mal etwas schräger klingt.

In erster Linie finden sich somit hüpfend verspielte Popnummern, in denen immer Bouchers Gesang eine zentrale Rolle spielt. Der größte Unterschied zum reinen Pop ist, dass nicht zwanghaft auf Perfektion gesetzt wird, dass die Synthies eben schon mal schräge sein dürfen, dass der Gesang einmal hinter, ein andermal vor oder eben einfach zwischen den Instrumentenspuren erklingen darf und je Track mehr als eine Idee, mehr als ein Motiv und auch im Grunde mehr als ein Genre genutzt wird. Selbst in den ambientesten und gotischsten Momenten der Platte geht nie das Streben nach massentauglicher Poppigkeit verloren. Wenn es wirklich geisterhaft wird, hält der Beat alles in einem allgemein verständlichen Zusammenhang.

Grimes Album-Zweitling ist eine ausgesprochen kreative, eine ungemein nette, aber am Ende doch eigentlich wenig spezielle Platte. Nichtsdestotrotz könnten Grimes und „Visions“ die richtige Person und die richtige Platte zum richtigen Zeitpunkt sein, die diverse abgeflaute Hypes – Hexenpop und 80er Synthiepop – miteinander kurzschließen, um so einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Denn, wie hier Dunkelheit und Bonbonbuntes, elektronischer Gothic und überzuckerter Pop aufeinandertreffen, besitzt durchaus einen potentiell langfristig fesselnden Reiz.