DCS (Die Coolen Säue) – Silber

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„Die 90er sind vorbei“ schrieb jemand dieser Tage, und tatsächlich ist HipHop in Deutschland dieser Tage nicht mehr 15 wie zu Zeiten der Klasse von ’95, sondern hat die 30 hinter sich gelassen. Mitglied eben dieser Klasse, seit 20 Jahren Teil des Deutschen HipHop, seit 12 Jahren pausierend, veröffentlichen Die Coolen Säue aka DCS nun ein neues Album. Es fällt schwer, „Silber“ – so der Titel – nicht als Ruf der Vergangenheit, als Flashback in eine subjektiv „bessere“ deutsche HipHop-Zeit zu hören. Das soll heißen, die persönliche Begeisterung für die 17 Nummern auf „Silber“ mag durchaus von einem gehörigen Maß an Nostalgie getragen sein – etwas, das DCS durchaus aktiv in Kauf nehmen und thematisieren in „Wie War Das Noch Mal 2012“.

Den nostalgischen Bias akzeptierend und ignorierend, gibt es zahlreiche weitere Gründe, dieses „Comeback“ zu genießen. Einerseits wäre da die häufig kongeniale Verbindung von Beats und Rhymes, in der erstere zwar vornehmliches Trägermedium sind, aber als solches die Tracks in einem Maße zugänglich machen, das anderen deutschen HipHop-Acts häufig fehlt. Dies beruht nicht zuletzt auch auf dem musikalischen Wissen und Kennen, das sich eben nicht auf „Beats“ im Sinne von Rhythmik beschränkt, sondern dem die Verbindung zu einer souligen Melodiösität wichtig ist.

Es wäre falsch, hier die Qualität der Raps, der Flows zu betonen. Diese sind heute wie damals bei DCS im Rahmen dessen, was auch ihre rheinischen Kollegen präsentierten und zumeist fehlt das Alleinstellungsmerkmal. Es ist – und hier lässt sich die Nostalgie nicht ganz ausblenden – die Erinnerung an einen Rapstil, in dem der „Fluss“ allgemein eine Bedeutung hatte, in dem Text und Flow eine Einheit sein wollten. Um die Nostalgie aber doch wieder abzulegen, muss festgestellt werden, dass die Raps auf „Silber“ noch einmal besser sind als auf dem Vorgänger „1999 … von vorne“. Statt dass die Fähigkeiten in der Pause eingerostet sind, sind sie gereift. Die Texte wiederum sind dann allerdings ein weiterer Grund, „Silber“ zu einem außergewöhnlich erfreulichen HipHop-Album zu erklären. Zum einen durchströmt die präsentierten Texte die Fähigkeit, das zu Sagende in eine objektiv schöne Sprache zu packen und zudem eine relativ tiefschichtige Lyrik zu nutzen. Weiterhin aber wird, obwohl die Zielgruppe natürlich auch die Rapjugend ist, darauf verzichtet, hier explizit einen auf jugendlich zu machen. Vielmehr erscheinen die Texte ehrlich aus dem Leben der Musiker – bzw. dieser Tage eben Werbetexter, Marketingmenschen und Rechtsanwälte – gegriffen, ohne dabei zum Geseier alter Männer zu werden.

Die Verbindung von Beats, Produktion, Raps und Lyrics soll, so der Wunsch der DCS, im Wettbewerb des zeitgenössischen HipHop bestehen können, was wohl nur gemischten Erfolg haben wird. Einerseits werden viele der älteren – der nostalgischen – HipHop-Hörer nach „Silber“ greifen wie ein Ertrinkender nach einem Rettungsring, der Großteil der jugendlichen Zielgruppe dürfte aber vermutlich dem Credo folgen, die 90er seien vorbei. Allerdings hätte diese Reaktion wenig mit der Qualität des Albums der Silberrücken von DCS zu tun, auf dem insbesondere die Produktionen das Niveau dessen, was im deutschen HipHop des letzten Jahrzehnts zu hören war, um mehr als eine Klasse übertrifft. Mögen die Raps, kritisch betrachtet, einfach ein durchschnittlich hohes Niveau erreichen, so spielen die Produktionen auf internationalem Level und die Ehrlichkeit der Texte macht aus „Silber“ ein Album, das nicht nur einfach gut ist, mitgehen lässt, sondern sogar berührt.