Tycho – Dive

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Glaubt man seinen Zitaten, so muss man das neue Album „Dive“ von Scott Hansens (alias Tycho) als Ausdruck einer futuristischen Nostalgie sehen. Ignoriert man seine Aussagen allerdings, so handelt es sich einfach nur um eine melancholisch-instrumentale Reise ohne Ziel und ohne Ursprung, deren harmonische Schönheit ebenso sehr von ambienter Klangmalerei wie von poppiger Sommererschöpfung zehrt.

Im Hören von Hansens Klangflächen stellt sich automatisch – und dazu bedarf es nicht einmal des entsprechend gestalteten Albumcovers – die Assoziation an einen farbenprächtigen Sommersonnenuntergang am Strand ein. Die Schwüle des Tages macht langsam einer angenehmen Frische Platz, aber am Horizont drohen Gewitterwolken und die Realität erhält eine unwirkliche Farbigkeit, die von grüngrauen Blautönen bis zum fast neonfarbenen Orange und Pink reicht. Es mag an Tychos bildendem Künstler alter ego ISO50 liegen, aber die trägen sich entfaltenden Soundscapes auf „Dive“ lassen sich vor allem über visuelle Assoziationen erfassen. In all ihrer impliziten Versunkenheit oder gar Traurigkeit verströmen sie dabei eine beglückende Erschöpfung.

Es wäre falsch zu behaupten, die zehn Stücke von „A Walk“ bis „Elegy“ besäßen in ihrer elektronisch ambienten Romantik keine Eigenheiten. Aber selbst wenn, zum Beispiel, das Titelstück, mit weiblichen Vokaljauchzern verziert, euphorisch jubelnd erklingt, statt wie die Vorabsingle an die ruhigen Momente eines balearischen Clubabends zu erinnern oder sich wie die Albumeröffnung „A Walk“ in der Vertonung von verklärender Naturbeobachtung zu verlieren, so stehen diese unterschiedlichen Charakteristika der einzelnen Stücke doch hinter der das Album einenden Schönheit zurück, der umhüllenden Harmonie, dem allumfassenden Fluss der Synthesizer- und Gitarrenmelodien.

„Dive“ lässt sich tatsächlich am ehesten als eine durchgängige Komposition sehen, deren zehn Movements mit einem Spaziergang beginnen, Tagträume umfassend vertonen, eine Himmelfahrt beinhalten und mit dem Gegensatz aus Sinnspruch (dem bezaubernden, erhebenden „Epigram“) und Klagelied (dem von Zac Browns Gitarrenharmonien lebenden „Elegy“) enden.

Manches Album stirbt in all seiner Schönheit vor Langeweile. Dies Schicksal könnte prinzipiell auch „Dive“ drohen, würde Scott Hansen nicht aus Synthesizer und Drum-Machine sowie Gitarren- und Bass-Gastbeiträgen eine solch erhabene, organische, warme Klangwelt schaffen. „Dive“ stirbt nicht, sondern erblüht in anhaltender Eleganz.

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