Oneohtrix Point Never – Replica

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Man kann Daniel Lopatins neues Album als Oneohtrix Point Never so durchtheoretisiert hören und analytisch kleinteilig rezipieren wie es Spex und taz dieser Tage tun. Am Ende ist aber nur eine Information der Analyse von Belang, nämlich dass Lopatin sich in den Stücken auf „Replica“ vornehmlich an Samples aus längst vergessenen TV-Werbespots bedient. Danach ist alles Musik, denn aus diesen kleinen klanglichen Bruchstücken erzeugt Oneohtrix Point Never die betörenden, ambient flirrenden Klanglandschaften, deren gebrochen heterogener Charakter den Hörer in seinen Bann zieht und erst am Ende der vierzig Minuten beglückt wieder ausspuckt.

Diese zersetzten hörbaren Welten des Albums schaffen Musik von ungemeiner Intensität. Das Album endet mit dem flirrenden Fieberwahn namens „Explain“ und beginnt im dunkel klagenden Leiden von „Andro“. Schon in „Power Of Persuasion“ erhebt sich ein stolpernder Rhythmus und es wird eine Grundcharakteristik des Albums deutlich, dass nämlich in jedem Moment etwas Unerwartetes geschehen kann, dass Sicherheit der Entwicklung nicht zwangsweise gegeben ist. Dies vertieft sich im Titelstück, in dem die synthetischen Samples sich immer wieder um eine einfache Pianofigur winden, ihr aber nie den Raum zum Atmen nehmen. Oneohtrix Point Nevers „Replica“ ist somit auch jüngster Ausdruck eines Jahres, in dem der Wohlklang des kleinteilig Reduzierten immer wieder glänzen durfte. Andererseits finden sich rein ambient dröhnende Stücke wie „Submersible“, doch das kreative Recycling des Albums erzeugt daraus nicht nur Neues, sondern erweitert auch den Kosmos des Ambient. So erklingt in „Remember“ ein Vocalsample zum sakralen Chor gestreckt und turbulent verwirbelte Samples stoßen das Stück am Ende in Richtung eines ambient verbrämten Postdubsteps Marke James Blake. Zudem aber und über den Ambient hinausführend erlangen die Stücke vielfach Charakteristiken, die eher von einem futuristischen HipHop oder den Mitteln des Free Jazz inspiriert zu sein scheinen. Das heißt, die Faszination des Albums ähnelt der an Burials „Untrue“ oder der an Flying Lotus „Los Angeles“. So sind „Sleep Dealer“ und „Up“ komplexe Schichtungen und Aneinanderreihungen von Samples, deren Zusammenklang fast ausgeschlossen erscheint, die aber von entsprechenden dröhnenden Synthesizern ummantelt zu einem beeindruckenden, klingenden Gesamtkunstwerk werden. Auch „Child Soldier“ nutzt die Mittel dieser beiden Stücke, erklingt aber, dank verkürztem und verzerrtem Sampling, als Postdubstep mit kriegerischem 8-Bit-Videospielgemetzel.

Bereits letztes Jahr fand sich Oneohtrix Point Nevers „Returnal“ auf manch einer Endjahresliste. Aber erst „Replica“ verdeutlicht die Größe des Musikers, die visionäre Kraft, die seinen Klängen innewohnt und die manch Gehörtes, was ähnlichen Mitteln entspringt, mehr als einfach nur in den Schatten stellt.

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