Nico Muhly, Thomas Gould And The Aurora Orchestra Conducted By Nicholas Collon – Nico Muhly: Seeing Is Believing

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Wer das Booklet von Grizzly Bears „Veckatimest“, die Liner-Notes der letzten Anthony-Alben oder den Abspann von „Der Vorleser“ liest, wird auf den Namen Nico Muhly stoßen. Die Universaltochter Decca hat in den letzten achtzehn Monaten weltweit gleich drei Alben Muhlys veröffentlicht, die hierzulande unter Umständen sogar alle als 2011er Alben gelten können.

Da ist einerseits „I Drink The Air Before You“, entstanden als Auftragsarbeit zum 25jährigen Jubiläum der Stephen Petronio Dance Company. Die Ballettmusik begeistert in all ihrer konzeptuellen Strenge, deren Eskalation am Ende in einem Kinderchor zusammenfällt.

Zum anderen ist da „A Good Understanding“, zu dem der ehemalige Chorknabe Muhly meint, dass das Schreiben von choraler Musik eine der größten Freuden seines Lebens sei. „A Good Understanding“ sammelt von Muhly komponierte Kirchenmusik – mit Ausnahme des abschließenden „Expecting The Main Things From You“, das weltliche Texte umfasst. Auch wenn Muhly hier natürlich den Regeln der Messe folgt, erstaunt das Verspielte und musikalisch vom zwanzigsten Jahrhundert Inspirierte seiner Kompositionen.

Zum dritten erschien im Sommer 2011 „Seeing Is Believing“. Eigene Kompositionen Muhlys rahmen hier seine Bearbeitung kirchlicher Musik der Renaissance-Komponisten Wilhelm Byrd und Orlando Gibbons.

Die Renaissance-Stücke funktionieren dabei in all dem Glanz, den die Musik dieser Zeit eben besitzt, doch vermag es Muhly, ihre Feinheiten zu akzentuieren, und das von Nicholas Collon dirigierte Aurora Orchestra setzt diese dezent und effektiv um. So erfüllen die Tonartwechsel in Byrds „Miserere Mei Deus“ mit unbeschränkt melancholischem Glück. Muhly verzichtet auf die vokalen Elemente und ersetzt die entsprechenden Chorphasen durch den Einsatz von Teilen des Orchesters. Byrds „Bow Thine Ear, O Lord“ erklingt einfach schön. Die Klangfolgen in Gibbons „This Is The Record Of John“ dürften vielen bekannt sein, und erklingen hier ebenfalls ganz simpel in Szene gesetzt unauffällig und beglückend.

Vielfältige und wiederholte Fragmente von Orlando Gibbons bilden die Grundlage von Muhlys „Motion“. Voller hektischer Nervosität erklingen hier Viola und Cello gegeneinander. Immer wieder scheitern die Versuche der Melodien, Ordnung zu schaffen. In der zweiten Hälfte synchronisieren sich die Instrumente langsam, um dann vom Piano gelenkt doch in nahezu disharmonischer Ekstase zu enden.

Dieses latent disharmonische Gegeneinander in all seiner Faszination dominiert auch „By All Means“, das als Auftragsarbeit auf eine Zwölftonkomposition Anton Weberns (Op. 24) reagieren sollte, aber – so Muhly – gleichzeitig auch chorale Traditionen erkunden soll. Mit Webern springt Muhly von der Renaissance ins zwanzigste Jahrhundert. Dort findet auch der Albumabschluss statt. „Step Team“ nutzt die Instrumente des Orchesters vornehmlich als Rhythmusgeber. Während der 18 Minuten dürfen melodiöse Phasen nur in wenigen Momenten gespielt werden. Die Bassposaune vereint die Elemente des Stücks und überhaupt halten die Bläser die Herde der Instrumente im Zaum. Am Ende von „Step Team“ fällt das Chaos in sich zusammen, in sanften Schlaf, und Klavier und Bassposaune erklingen in zärtlichem Miteinander.

Titelgebend und die Platte eröffnend ist eine Auftragsarbeit für das Aurora Orchester, um die elektrische Violine des Konzertmeisters Thomas Gould voll würdigen zu können. In seiner experimentellen Vielschichtigkeit erzeugt „Seeing Is Believing“ die gleiche Faszination wie experimentelle Samplearbeiten eines Daniel Lopatin oder Demdike Stare. Seien es die mal expressionistischen und sanft singenden Einsätze der elektronischen Violine, das aufgeregte Zwitschern der Holzbläser oder einzelne perkussive Elemente im Hintergrund, „Seeing Is Believing“ begeistert in seinen scheinbar anarchistischen wie in seinen harmonischen Momenten. Das Stück besitzt eine ungeheure Kraft, die es über seine 25 Minuten immer weiter entfaltet. Muhlys Komposition und das Spiel der Instrumentalisten ziehen in ihren Bann.

„I Drink The Air Before You“, „A Good Understanding“ und „Seeing Is Believing“ offenbaren Nico Muhly in all seinen Talenten. Seine Musik vermag emotional zu bannen und überzeugt zudem in ihrer innovativen Vielfalt und Kraft. „Seeing Is Believing“ verbindet dabei die Jahrhunderte orchestral, schließt aber implizit auch generell Experimentelles ein und glänzt so uneingeschränkt.

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